Liebe Selina,
bei Deinen Ausführungen muß man vielleicht zwei Aspekte würdigen. Der eine ist, daß Launen, Stimmungsschwankungen und wechselhaftere Sensibilität schon mal Entwöhnungserscheinungen sein können. Die sind völlig normal. Bitte gestehe sie Dir zu, denn schließlich sind sie Anzeichen für Deine Bewältigung der Sucht, die jetzt halt nach Dir tritt, weil sie sich von Dir zu Recht bedroht fühlt. Frage Dich doch immer wieder, was Du für Dich tun kannst, damit es Dir besser geht. So eher unberechenbare Gefühlsschwankungen werden sich wieder normalisieren, das hast Du ja schon gelesen. Ist auch so.
Auf der anderen Seite auch: viele Aufhörer, in deren Reihen ich mich selber absolut einordne, haben nach dem Ausstieg die Erfahrung gemacht, daß sie ihre Gefühle, egal welche, Arger, Wut, Trauer, aber auch Freude oder Glück viel stärker empfinden als noch vorher, und sie verzeichnen auch eine gesteigerte Empfindsamkeit. Also auch da stehst Du absolut nicht alleine damit da.
Früher haben wir unsere Gefühle immer umgehend mittels Rauchen quittiert, begleitet, kompensiert, vernebelt geradezu. Auf diesen buchstäblichen Dämpfer aller Gefühle greifen wir jetzt nicht mehr zurück - und müssen nun lernen, mit den puren, unvernebelten Emotionen umzugehen.
Die gute Nachricht dabei ist, man lernt das auch, irgendwann ist Deine Empfindsamkeit, Deine Empathie und das, was Du jetzt vielleicht noch als Wucht an Emotionen erlebst, Normalität für Dich. Die Empfindungen werden sich einpegeln, und Du wirst damit zurechtkommen. Und schließlich: Menschen, die noch nie geraucht haben, kennen es nicht anders und können es auch. Jede "echte" Emotion eröffnet Dir schließlich auch ganz neue Möglichkeiten, Du siehst Deine Rechte und Ansprüche klarer und bist deshalb auch eher bereit, für Dich einzutreten, Du erlebst Freude näher an Dir - ein absolut unterbewerteter Gewinn der Rauchfreiheit, finde ich.
Und noch einem Punkt den Du sagst, möchte ich beipflichten: Die Selbsteinschätzung verändert sich bei manchen ungemein. Für mich war das auch so: wenn ich das geschafft habe - dann kann ich noch viel mehr. Profitiere ruhig davon, mach den Rücken gerade und sag Dir hey! Ich bin stark!
Weiterhin guten Mut und Optimismus wünscht Dir
Lydia