Guten Tag Olli,
Tag 9 läuft, morgen grätschst Du in den zweistelligen Tagesbereich! Wie fühlt es sich Stand heute damit? Wie geht es Dir?
Deine Einlassung, daß Du die Zigarette immer als Kreativitätsschub erlebt hast, kenne ich auch. Wir haben sie hier mehrfach gelesen und ja, auch ich hatte zeitweise das Gefühl, mir wären beim Rauchen die besten Ideen gekommen. Das ist aber ein Trugschluß, den uns unsere Sucht selber aufgeschwätzt hat. Und jetzt schwätzt sie uns auf, mit ihr ginge auch unsere Kreativität flöten. Aber dann frage ich mal andersrum: Es gibt auch genügend Kreative, die nicht rauchen - wir machen die denn das? Olli es waren nicht die Ideen der Zigarette, es waren Deine! Mach Dir das ruhig erstmal bewußt.
Dann schreibst Du, daß Du den Entzug als länger erlebst als anno dunnemal. Möglich! Meine eigene höchstpersönliche Erfahrung hat mir gezeigt, daß auch ein- und derselbe Aufhörer verschiedene Entzüge durchleben kann, die augenscheinlich nicht miteinander verwandt sind. Will heißen, was bei einem Entzug noch ganz easy war, scheint beim nächsten unüberwindlich. Du hast auch damit Recht, daß es an der Konstitution, der Raucherkarriere, den Begleitumständen und vielem anderen liegen kann. Es gibt auch den umgekehrten Fall, die ersten Entzüge waren heftigst bis undurchführbar, und dann kommt plötzlich der Moment, in dem es ganz einfach geht... Also da stecken wir alle nicht drin. Darum: bitte mach Dir deswegen keinen Kopf. Es bewegt sich alles noch im Rahmen normaler Parameter. Nimm es hin, höre ich Dich hinein, höre auf Deine Bedürfnisse (außer auf jenes zu rauchen natürlich, aber das ist ja nicht Deins, sondern das der Sucht) und komm ihnen entgegen. Es ist nicht für immer, auch der haarigste Entzug hat irgendwann ein Ende. Und wenn Du, was möglicherweise auch noch ein Entzugssymptom sein mag, den bisweilen unorientierten und ruhelosen Wattekopf und das herabgesetzte kreative Potenzial spürst, dann mach eine Pause, ruh Dich kurz aus, akzeptiere es und sei Dir gewiß, daß es nicht für immer sein wird. Gestehe Dir zu, daß im Moment eben nicht alles so flott geht wie sonst. Dafür leisten Du, Dein Körper und Deine Psyche jede Menge Entwöhnungsarbeit, das ist ja auch nicht nichts, oder? Und es wird vergehen Olli, Du findest wieder zu Deinem Potenzial zurück. Versprochen.
Was Deine Schweißausbrüche angeht, auch davon lesen wir hier öfter, vor allem über jene nächtlicher Natur. Das wird auf eine heftige Entgiftungsreaktion des Körpers sowie die Neuordnung von Kreislauf, Blutdruck und Herzfrequenz zurückgeführt. Bitte trinke viel, um den Flüssigkeitshaushalt auszugleichen, gerne Mineralwasser der Salze wegen, oder Fruchtsaftschorle, um gelegentlich im Entzug auftretendem leichtem Unterzucker entgegenzuwirken. Auch dieses Symptom wird wieder nachlassen, in dem Maße, in dem sich Dein Körper neu aufstellt. Hast Du vielleicht Lust, bis dahin zu versuchen, es auf Deiner Haben-Seite zu verbuchen? Unter "es passiert etwas, mein Körper wird gegen die Gifte aktiv, schleust aus, tut was er soll" oder ähnlichen Rubriken? Würde Dir diese Denkweise helfen?
Ich leide mit Dir, daß Deine Entzugserscheinungen so heftig ausfallen. Und klar - möchte man nicht, will man nicht, braucht man nicht, da bin ich völlig bei Dir Olli. Aber es wird besser, es bleibt jetzt nicht auf unabsehbare Zeit so. Du machst das wirklich total tapfer, Dein Durchhaltevermögen verdient alle Anerkennung, und ja, darauf kannst Du mit Fug und Recht stolz sein!
Ich hörte einmal folgenden Satz, den ich mir auch immer ganz groß auf meine Fahne schreibe: Jemand, der das Rauchen aufgegeben hat, wird niemals mehr ein Nichtraucher, sondern bleibt immer ein Raucher, der nicht mehr raucht. Ich bestätigen Deine Einlassung zu uns Exrauchern damit uneingeschränkt. Für mich jedenfalls, andere Aufhörer definieren sich als Nichtraucher, ich denke auch, das muß jeder so für sich entscheiden, wie er sich am besten damit identifizieren und auch rauchfrei bleiben kann. Aber für mich persönlich sehe ich es wie Du: Wir haben nun mal eine lange Raucherkarriere hinter uns, haben uns ein Suchtgedächtnis antrainiert, das wir schlafen schicken, aber nie mehr ganz eliminieren können. Für uns gilt es, immer auf der Hut zu sein, damit wir es nicht wieder aufwecken (zum Beispiel mit "nur mal der einen"). Und da wir das dieses Mal ganz genau für uns artikuliert haben, werden wir es auch eher schaffen, rauchfrei zu bleiben. Und Du wirst es wieder werden Olli, daran zweifle ich nicht. Auch wenn es im Moment unkomfortabel ist. Bleib dran, Du schaffst das wieder.
Eine Extraportion Power und Durchhaltevermögen sowie ganz viele Grüße und gute Besserung sendet Dir
Lydia