[quote=rauchfrei_lotsin_nadja | 17.09.2026 11:41]
[SIZE=2][b][i]Es gibt keine Zufälle[/SIZE][/b][/i]
Manchmal begegnen uns Menschen, und wir wissen zunächst nicht, warum. Wir begleiten sie ein Stück auf ihrem Weg, schenken ihnen Zeit, ein offenes Ohr und ein wenig Nähe. Und manchmal erkennen wir erst später, dass diese Begegnung viel tiefer ging, als wir es in diesem Moment verstehen konnten.
Ich denke oft an eine Dame zurück, die ich im vergangenen Jahr im Hospiz begleiten durfte.
Sie war nicht gläubig. Ihre beiden Schwestern hingegen waren tief im Glauben verwurzelt. Auch ihre Mutter war ein sehr gläubiger Mensch gewesen. Und genau darin lag für diese Dame eine tiefe, schmerzliche Erinnerung: Sie hatte ihre Mutter auf ihrem letzten Weg nicht begleiten können und machte sich deshalb selbst Vorwürfe.
Vielleicht trug sie diesen Schmerz schon lange in sich. Vielleicht war es auch ein Grund, warum sie sich so schwer öffnen konnte.
Zwischen den Schwestern war vieles schwierig geworden, und sie hatten ihre Schwester wochenlang nicht besucht. Auch dem Personal gegenüber konnte die Dame kaum Vertrauen fassen. Sie zog sich zurück und ließ nur wenige Menschen wirklich an sich heran.
Doch irgendwie fand ich einen Zugang zu ihr.
Es entstand Vertrauen. Sie erzählte mir Dinge, ließ Nähe zu und öffnete sich auf eine Weise, die mich selbst tief berührte. Ich hatte das Gefühl, dass unsere Begegnung nicht ohne Grund geschehen war.
An einem Tag sprach ich mit ihr über eine Bibel. Ich sagte zu ihr, dass ich ihr gerne eine schenken würde. Sie müsse nichts glauben und auch nichts Bestimmtes darin suchen. Sie könne einfach darin lesen, wenn ihr danach wäre.
Und dann geschah etwas, das ich bis heute nicht vergessen kann.
Noch am selben Tag kamen plötzlich ihre beiden Schwestern ins Hospiz.
Wochenlang waren sie nicht da gewesen. Und nun standen sie auf einmal vor ihrer Tür.
Für uns alle war es eine große Überraschung.
Ihre Schwestern waren glücklich und tief berührt darüber, wie sich ihre Schwester verändert hatte. Sie erlebten sie offener, zugänglicher und bereit, wieder miteinander in Kontakt zu treten.
Und dann sagten sie zu mir:
„Können Sie noch ein bisschen mit ihr reden?“
Diesen Satz habe ich nie vergessen.
Die Dame wollte keine Antibiotika und möglichst keine Medikamente. Trotz ihrer Krebserkrankung wollte sie ihren Weg auf ihre Weise gehen und pflanzlich versorgt werden. Ich versuchte, ihre Wünsche zu respektieren und sie dort abzuholen, wo sie stand.
Ich betete immer für sie.
Und ich ließ ihr ein Kreuz da.
Im Mai des vergangenen Jahres ist sie verstorben.
Ich konnte leider nicht bei ihr sein, weil ich zu dieser Zeit im Urlaub war. Das hat mich sehr traurig gemacht. Denn obwohl ich wusste, dass ich sie begleiten durfte und für sie da gewesen war, blieb in mir der Gedanke: Ich war nicht da, als sie gegangen ist.
Vielleicht berührte mich deshalb auch ihre Geschichte über ihre eigene Mutter so sehr. Sie selbst hatte ihre Mutter, die stark gläubig gewesen war, auf ihrem letzten Weg nicht begleiten können und hatte sich deswegen Vorwürfe gemacht.
Vielleicht konnte ich damals noch nicht verstehen, warum mir gerade diese Geschichte erzählt wurde.
Vielleicht sollte ich erst später verstehen, dass manche Dinge im Leben einen Kreis schließen.
Nach dieser Begleitung durfte ich eine andere Frau kennenlernen. Sie hatte eine Demenzerkrankung, und ich wusste zunächst kaum etwas über ihr Leben. Auch sie durfte ihren letzten Weg gehen und wurde kurz vor ihrem Tod noch einmal aus dem Hospiz entlassen.
Gestern war ihre Beerdigung im Friedwald in Dudenhofen.
Ich ging dorthin, um Abschied zu nehmen.
Und dann konnte ich meinen Augen kaum glauben.
Beide Frauen hatten sich dort einen Baum ausgesucht.
Und zwischen ihren beiden Bäumen lagen nur 29 Baumnummern.
29 Plätze.
Nicht weit voneinander entfernt.
Plötzlich konnte ich die Frau vom vergangenen Jahr wieder besuchen. Ich konnte an ihrem Baum stehen. Ich konnte zu ihr gehen und Abschied nehmen.
Und in diesem Augenblick hatte ich ein ganz besonderes Gefühl.
Es fühlte sich für mich an wie ein Wink vom Himmel.
Als würde mir jemand sagen:
„Du bist doch noch einmal bei ihr. Du konntest damals nicht bei ihr sein, als sie starb. Aber jetzt bist du hier.“
Vielleicht durfte ich genau dort etwas nachholen.
Vielleicht durfte ich ihr sagen, was ich damals nicht mehr sagen konnte.
Vielleicht durfte ich einfach nur bei ihr stehen.
Und vielleicht war auch das kein Zufall.
Bei der Beerdigung der anderen Dame wurde dann aus ihrem Leben erzählt. Ich erfuhr, dass sie Krankenschwester gewesen war. Sie hatte sich sehr für andere Menschen eingesetzt und war auch im Presbyterium und im kirchlichen Bereich engagiert gewesen.
Und wieder war ich tief berührt.
Denn plötzlich begegneten mir erneut die Themen Pflege, Fürsorge, Glaube und das Dasein für andere Menschen.
Genau diese Dinge hatten auch die Geschichte der ersten Dame begleitet.
Zwei Frauen, die ich auf unterschiedliche Weise kennenlernen durfte.
Zwei Lebenswege.
Zwei Bäume im Friedwald.
Und nur 29 Baumnummern zwischen ihnen.
Für andere mögen es einfach Zahlen sein.
Für mich war es in diesem Moment mehr.
Es war ein leiser Wink vom Himmel.
Eine Erinnerung daran, dass wir nicht immer verstehen müssen, warum bestimmte Menschen in unser Leben treten. Manchmal dürfen wir einfach vertrauen.
Vielleicht sind manche Begegnungen dafür bestimmt, etwas in uns zu bewegen.
Vielleicht sind manche Menschen nur für eine kurze Zeit bei uns – und hinterlassen trotzdem etwas, das für immer bleibt.
Ein Gespräch.
Ein Blick.
Ein Gebet.
Ein Kreuz.
Ein Stück Vertrauen.
Und manchmal schließt sich eine Geschichte erst lange nachdem wir glauben, dass sie zu Ende ist.
Ich konnte im vergangenen Jahr nicht bei der ersten Dame sein, als sie starb.
Aber gestern stand ich an ihrem Baum.
Ich konnte Abschied nehmen.
Und vielleicht war genau das die Antwort auf etwas, das lange in meinem Herzen geblieben war.
Manchmal schickt der Himmel keine großen Zeichen.
Manchmal sind es nur zwei Bäume, die nicht weit voneinander entfernt stehen.
Manchmal sind es 29 Baumnummern.
Und manchmal ist es einfach dieses ganz stille Gefühl im Herzen, das sagt:
„Schau hin. Es ist kein Zufall.“
Ich bin dankbar, dass ich diese Menschen begleiten durfte.
Dankbar für das Vertrauen, das mir geschenkt wurde.
Dankbar für die Gespräche, die bleiben.
Dankbar für jedes Gebet.
Und dankbar für diesen besonderen Moment im Friedwald, der mir gezeigt hat:
Kein liebevoller Weg ist umsonst.
Und vielleicht gibt es tatsächlich keine Zufälle.
Vielleicht gibt es Begegnungen, die unser Herz längst verstanden hat, bevor unser Verstand sie begreifen kann.
[b][i][SIZE=2]Es gibt keine Zufälle.[/b][/i][/SIZE]
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[SIZE=3]:balloonsheart::smileumarmung:[/SIZE]