[SIZE=2][b][i]Begegnungen[/SIZE][/b][/i]
In den letzten Jahren durfte ich als ehrenamtliche Hospiz- und Klinikbegleiterin viele Menschen kennenlernen. Jede Begegnung ist anders. Manche dauert nur wenige Minuten, andere bleibt für immer im Herzen.
An manchen Tagen habe ich das Gefühl, dass die Menschen, von denen ich mich bereits verabschieden musste, oben im Himmel Spalier stehen und mir immer wieder ein Lächeln herunterschicken. Manchmal habe ich sogar das Gefühl, dass sie mich genau dann unterstützen, wenn ich irgendwo Unterstützung brauche.
Heute hatte ich im Krankenhaus zwei ganz besondere Begegnungen.
Die erste war mit einer 88-jährigen Frau. Meine Kollegin beschrieb sie mir mit den Worten: „Sie ist durch und durch dement.“ Sie lief in ihrem Zimmer immer wieder hin und her. Vor ihrer Tür lag eine Klingelmatte, damit die Mitarbeitenden sofort bemerkten, wenn sie ihr Zimmer verließ.
Sie war sehr gepflegt, eine schöne, alte Dame. Leider verlor sie aufgrund ihres Gleichgewichts immer wieder den sicheren Stand, sodass ihr Gesicht von den Stürzen gezeichnet war. Aber das war eigentlich nur nebensächlich.
Denn ich hörte sie in ihrem Zimmer flehen:
„Ich mag nicht mehr. Ich weiß nichts mehr. Was soll ich noch?“
Ich ging zu ihr hinein und fragte sie, was los sei. Sie wiederholte ihre Worte.
Ich habe vor einiger Zeit einen Validationskurs besucht – auf eigene Kosten, weil es mir in meinem Ehrenamt wichtig war, Menschen mit Demenz besser verstehen zu können. Ich wollte wissen, wie sich ein Mensch fühlt, wenn seine eigene Welt immer mehr aus den vertrauten Fugen gerät.
Validation bedeutet für mich nicht, einen Menschen nachzuahmen. Es bedeutet, ihn dort abzuholen, wo er gerade ist – in seiner Welt.
Also nahm ich ihre Worte auf und spiegelte ihr, was sie sagte. Ich ließ sie mit ihren Gefühlen nicht allein.
Nach einer Weile fragte ich sie, ob sie Lust hätte, mit mir ein paar Runden über die Station zu drehen.
Sie willigte freundlich ein.
Auf unserem Weg fragte ich sie, was sie denn früher von Beruf gewesen sei.
„Ich war Lehrerin“, antwortete sie – und plötzlich war da dieser kleine Moment von Stolz in ihrer Stimme.
Und gleich darauf sagte sie wieder:
„Ich will doch nur noch sterben. Was soll ich hier noch? Es ist doch alles scheiße und ein Arschloch.“
Worte, von denen ich mir vorstellen konnte, dass sie früher wahrscheinlich niemals über ihre Lippen gekommen wären. Eine Lehrerin, die für ihre Schülerinnen und Schüler ein Vorbild gewesen war.
Ich fragte weiter nach ihrem Leben, nach ihrer Vergangenheit, nach dem, was ihr einmal wichtig gewesen war.
Als wir im Wohnzimmer ankamen, entdeckte ich das Spiel „Mensch ärgere Dich nicht“.
„Haben Sie Lust, mit mir zu spielen?“, fragte ich.
„Ich weiß überhaupt nicht, wie das geht“, antwortete sie.
Da musste ich lächeln und sagte zu ihr:
„Wissen Sie was? So wie Sie es früher Ihren Kindern beigebracht haben, kann ich es Ihnen heute auch erklären. Und wenn es nicht gleich klappt, erkläre ich es eben mehrmals.“
Und dann spielten wir.
Sie war manchmal ziemlich auf dem Schlauch. Aber das machte überhaupt nichts. Ich erklärte ihr geduldig jeden einzelnen Schritt. Ganz ruhig, immer wieder. Manchmal nahm ich vorsichtig ihre Hand und zeigte ihr, was sie tun konnte.
Schritt für Schritt.
Runde für Runde.
Und plötzlich hörte ich von draußen einen lauten Ruf:
„Hilfe! Hilfe!“
Ich ging hinaus. Meine Kollegin sagte:
„Ach, das ist in Ordnung. Das ist die Patientin. Sie braucht immer Aufmerksamkeit.“
Ich dachte kurz nach und schlug vor, sie einfach zu uns zu holen.
Meine Kollegin war etwas skeptisch:
„Oh, die wird hier gleich weiterschreien.“
Aber wir holten sie schließlich dazu.
In diesem Moment musste meine erste Begleiterin zur Physiotherapie. Und dann passierte etwas, das mich besonders berührte.
Ich hatte inzwischen den Eindruck gewonnen, dass sie kaum noch etwas wusste. Aber beim Würfeln sagte sie mir plötzlich ganz selbstverständlich die Augen des Würfels vor.
Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs.
Sie wusste es.
Natürlich wusste sie es.
Sie war Lehrerin gewesen.
Und ich konnte förmlich sehen, wie stolz sie auf sich war, dass da noch etwas war, das sie konnte. Etwas, das ihr niemand nehmen konnte.
Bevor sie zur Physiotherapie ging, bedankte sie sich mehrmals bei mir.
„Sie sind so eine tolle und nette Frau“, sagte sie.
Ich lächelte und dachte bei mir:
Gott wirkt eben durch uns.
Vielleicht war ich heute gar nicht diejenige, die ihr etwas gegeben hat.
Vielleicht hat sie mir mindestens genauso viel geschenkt.
Dann wurde die andere Dame im Rollstuhl zu uns hereingefahren.
Auch sie war dement.
Und jetzt kam die nächste Überraschung.
Was das Spiel „Mensch ärgere Dich nicht“ betraf, war sie mir haushoch überlegen.
Sie erklärte mir die Regeln!
Wir spielten zusammen, und es war einfach nur lustig. Wir haben gelacht, uns gegenseitig geholfen und für einen Moment war es völlig unwichtig, welche Diagnose auf irgendeinem Papier stand.
Am Ende meines Dienstes musste ich noch einmal über diese beiden Frauen nachdenken.
Meine Kollegin hatte beide als „durch und durch dement“ beschrieben.
Aber waren sie das wirklich?
Für mich waren es zwei Frauen, die einfach in ihrer eigenen Welt lebten.
Die eine war einmal Lehrerin und trug dieses Wissen noch immer irgendwo in sich.
Die andere wusste die Regeln eines Spiels besser als ich und konnte mir etwas beibringen.
Beide hatten Fähigkeiten, Erinnerungen, Gefühle, Stolz, Humor und den Wunsch, gesehen und ernst genommen zu werden.
Vielleicht müssen wir manchmal nicht versuchen, Menschen aus ihrer Welt zurückzuholen.
Vielleicht müssen wir einfach den Mut haben, ein Stück in ihre Welt hineinzugehen.
Und vielleicht begegnen wir dort Menschen, die uns etwas erzählen können, was wir sonst niemals erfahren hätten.
Heute habe ich zwei solchen Menschen begegnen dürfen.
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Und ich bin dankbar dafür.[/i][/b][/SIZE]