In einer stillen Nacht, als der Mond wie eine silberne Laterne am Himmel hing, öffnete sich irgendwo zwischen Schlaf und Wirklichkeit ein Tor zur Traumwelt.
Dort war alles möglich.
Die Wolken waren keine gewöhnlichen Wolken – sie waren weich wie Watte und schimmerten in Farben, die es im Wachsein gar nicht gibt. Manche flüsterten leise Geschichten, wenn man sich auf sie legte. Flüsse bestanden aus flüssigem Licht, das in sanften Wellen durch Landschaften aus schwebenden Inseln floss. Bäume trugen keine Blätter, sondern kleine, leuchtende Erinnerungen, die im Wind funkelten.
In dieser Welt lebte ein Kind namens Liora. Sie wusste nicht, woher sie kam – nur, dass sie jedes Mal hier landete, wenn sie besonders tief träumte. Liora liebte es, barfuß über die schwebenden Wiesen zu laufen, wobei das Gras unter ihren Füßen leise Melodien spielte.
Eines Abends – oder vielleicht war es ein Morgen, denn Zeit verhielt sich hier eigenartig – bemerkte sie etwas Neues: Ein Stern war vom Himmel gefallen und lag nun still am Rand eines leuchtenden Sees.
Vorsichtig näherte sie sich. Der Stern war klein, kaum größer als ihre Hand, und pulsierte schwach.
„Hast du dich verirrt?“ fragte Liora leise.
Zu ihrer Überraschung antwortete der Stern mit einer sanften Stimme: „Ich habe meinen Platz vergessen.“
Liora runzelte die Stirn. „Wie kann man seinen Platz vergessen?“
„In der Traumwelt passiert das manchmal“, sagte der Stern. „Wenn jemand aufhört zu träumen, verblassen wir.“
Liora setzte sich neben ihn. „Dann helfe ich dir, ihn wiederzufinden.“
Gemeinsam machten sie sich auf den Weg. Sie durchquerten Wälder aus schimmernden Gedanken, überquerten Brücken aus Regenbogenlicht und ließen sich von fliegenden Fischen den Weg weisen. Unterwegs erzählte der Stern von all den Träumen, in denen er einmal geleuchtet hatte – von mutigen Abenteuern, leisen Hoffnungen und geheimen Wünschen.
Langsam begann er wieder heller zu werden.
Schließlich erreichten sie einen Hügel, von dem aus man den ganzen Traumhimmel sehen konnte. Liora hielt den Stern hoch.
„Vielleicht ist dein Platz nicht ein bestimmter Ort“, sagte sie nachdenklich. „Vielleicht ist er überall dort, wo jemand an dich glaubt.“
In diesem Moment begann der Stern zu strahlen – heller als je zuvor. Ein warmer Wind erhob sich, und sanft glitt er zurück an den Himmel, wo er seinen Platz zwischen den anderen Lichtern fand.
Bevor er verschwand, flüsterte er: „Solange du träumst, werde ich leuchten.“
Als Liora die Augen öffnete, lag sie wieder in ihrem Bett. Der Morgen dämmerte, und alles wirkte gewöhnlich.
Doch als sie aus dem Fenster sah, funkelte ein Stern noch immer am Himmel – ungewöhnlich hell, als würde er ihr zuzwinkern.
Und tief in ihrem Herzen wusste sie: Die Traumwelt war nie ganz verschwunden. Sie wartete nur darauf, wieder betreten zu werden.
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