Hallo Meikel,
bevor ich in die Heia gehe, noch ein Wort an dich:
vielen Dank für deine Worte, ich fühle mich etwas beschämt (positiv gemeint). Du hast k e i n e n Grund, demütig zu sein, überhaupt nicht!!! Wenngleich ich mich auch darüber freue, einen Denkanstoß gegeben zu haben.
Ich versuche auch, gelassen durch das Leben zu gehen, meistens gelingt es mir sogar, und eine olle Chinesin war ich vielleicht auch einmal. Überlege dir aber auch bitte einmal, warum das allgemeine Volk der Chinesen seit tausenden von Jahren demütig sein musste und auch heute überwiegend noch sind. Wir suchen uns eigentlich nur das aus, was wir als großartig und nachahmenswert finden. Ich liebe die chinesische Kultur, weiß aber auch, dass das, was wir kulturell, interlektuell, meditativ so nachahmenswert finden, einer hohen Kaste vorbehalten war. Die Ärzte des alten China waren hoch angesehene Personen, die das Qigong "erfanden". Das Taiji folgte später, nicht nur aus Gründen der Gesundheit. Wie du sicher weißt, wurden Bauern sogar Mistgabeln oder Schlegel verwehrt, weil sie von der Obrigkeit als Waffen angesehen wurden. So sagt die Überlieferung, dass daraus von Mönchen Kungfu geboren wurde, daraus und aus Qigong Taiji. Es handelt sich um eine waffenlose Selbstverteidigung.
Die einzelnen Bilder der Taiji-Formen haben putzige Bezeichnungen wie: der weiße (goldene) Kranich, den Affen abwehren, den Vogel am Schwanz ziehen, rücklings auf dem Tiger reiten und mit den Augen funkeln usw. Dies verschleierte den kämpferischen Aspekt - jedenfalls vorübergehend. Auch dadurch, dass Taiji quasi im Zeitlupentempo gelaufen wird, war ein Grund dafür.
Nachdem unter Mao alles "Alte" verboten wurde (Kungfu, Taiji, Kalligrafie, Handwerk, Glaube und vieles andere mehr), flohen die Meister in alle Himmelsrichtungen oder diese Techniken wurden im Untergrund weitergeführt. Wer erwischt wurde, kam ins Arbeitslager oder wurde einen Kopf kürzer. Es wurde allerdings eine sog. 24-er-Peking-Form in's Leben gerufen, der "Volksgesundheit" wegen. Ich denke aber, dass die Obrigkeit wegen der populären Form des Sports sich letztlich nicht verschließen konnte. (Zuckerbrot und Peitsche).
Zunächst erfuhr Taiji in Amerika zu Hippie-Zeiten einen Renecance (ist nicht richtig geschrieben - aber egal),
die in den 60-er Jahren nach Europa überschwappte, und auch hier einen Siegeszug antrat. Seitdem ist sie sowohl von den Söhnen und Enkeln der Meister verändert, vervollkommnet und neu "erfunden" worden. So haben sich viele unterschiedliche Strömungen herauskristallisiert. Vom meditativen bis hin zum kämpferischen mit ganz, ganz vielen Unterteilungen.
Wir sind aber Europäer, die einen ganz anderen historischen und religiösen Hintergrund haben, ganz andere Wurzeln haben.
Ich merke, dass ich vom Hölzchen aufs Stöckchen komme.
Was ich auch ausdrücken möchte, ist, das man manchmal etwas idealisiert, weil man es nicht anders weiß, oder was man uns glauben machen will. Trotzdem bin ich der chinesischen Philosophie sehr nahe, weil sie etwas zeigt, was "wir" nicht haben, aber gerne hätten. Ich könnte jetzt noch weitermachen, aber nu is Ende im Gelände.
Lieber Meikel, du siehst, in diesem Falle kein Grund zur Demut. Ich hoffe, dass ich dir nicht wehgetan habe, denn das würde mir sehr leid tun, weil du ein sehr wertvoller und empathischer Mensch bist.
Gute Nacht
Rita