Lieber Markus!
Die Fragen, die du hier in den Raum stellst, gehören vermutlich zu den vordringlichsten Fragen, die wohl sehr Vielen durch den Kopf gehen, wenn sich das Gefühl der Sucht einfach nicht verabschieden will. Mir geht es dabei nicht anders.
Ich befürchte nur, dass Meikel mit der Aussage, -"Das Problem des werdenden Nichtrauchers ist das Problematisieren"! - DIE Antwort auf alle Fragen schon gefunden hat.
Sie ist m.E. aber nur dann richtig, wenn man sie so versteht, dass es zwar eine Fülle von Ursachen verschiedenster Art gibt, wir selbst aus der Laiensphäre heraus aber gar nicht in der Lage sind, sie vollständig herauszufinden, geschweige denn auch richtig zu bewerten. Zumindest kann ich es nicht.
Eine professionelle Suchttherapie hat in der Regel einen integrativen Ansatz. Es werden also verhaltenstherapeutische mit tiefenpsychologischen und sozialpsychiatrischen Maßnahmen verbunden. Hier werden Programme angeboten zum Verlernen des süchtigen Verhaltens oder des Drogenkonsums und der Vermittlung alternativer Lösungsstrategien. Zudem auch Programme zur vertieften Selbsterkenntnis und Maßnahmen, die die soziale und wirtschaftliche Situation des Betroffenen stabilisieren oder verbessern sollen und damit indirekt auch zu größerer psychischer Stabilität führen.
Jetzt könnte man meinen, sich selbst am besten bewerten zu können. Das stimmt vielleicht bis zu einem gewissen Grad. Zumindest kann ich das aus eigener Erfahrung so unterstreichen.
Allerdings habe ich durch eine durchgeführte Verhaltenstherapie wegen hochgradiger Leistungsorientierung (Arbeitssucht) den Blick auf Bereiche erhalten, die ich mir so gar nicht hätte vorstellen können und zu Beginn der Therapie weit von mir gewiesen habe. Ich war erstaunt, dass nur ein wenig Umdenken und ein neues Bewertungssystem der Dinge vieles regelrecht zum Positiven umkrempeln kann. Das funktioniert allerdings nur, wenn die Bereitschaft vorhanden ist, Veränderungen zulassen zu wollen und vorzunehmen.
Wenn man die Entstehung und Ursache von Sucht betrachtet, wird Sucht heute als Versuch der Problemlösung verstanden. Der Mensch heute muss sich mit Anforderungen und Belastungen aus der Umwelt sowie mit Wünschen, Ansprüchen und Verboten aus seinem Inneren auseinandersetzen und ist in manchen Fällen einfach überfordert. Es ist gerade sehr häufig dann der Fall, wenn die persönlichen Ressourcen (psychische Stabilität, Frustrationstoleranz, Problemlösungsstrategien) nicht stark genug ausgebildet sind. Insbesondere auch dann, wenn noch äußere belastende Faktoren ( lieblose und misshandelnde Familienmitglieder, Arbeitslosigkeit mit den entsprechenden Einschränkungen an Konsum, Wertschätzung und Lebensperspektiven) hinzukommen. In den meisten Fällen erscheint die Sucht als Ausweg.
Mein Ansatz, diese Fragen für mich beantworten zu wollen ist der Blick ganz tief in mich hinein. Für mich war das Rauchen auch innerer Halt. Jetzt meine ich zu wissen, dass ich lernen muss auszuhalten. Damit ich mich hier seelisch nicht ganz „ausziehen“ muss, möchte ich es an einem Beispiel festmachen.
Frauen meiner Generation sind noch so erzogen worden, dass wir immer schön brav und lieb sein sollen. Nicht widersprechen, das gehört sich doch nicht. Und das Wichtigste, wir haben nicht gelernt NEIN zu sagen. Letzteres geht einher mit Schuldgefühlen und der Angst davor, dass uns der andere dann nicht mehr mag. Die Folge ist ein beschädigtes Selbstwertgefühl. Unglücklich sein, Verlassensängste, Trauer, Ohnmacht. Die Kompensation dieser Empfindungen kann dann auch der Weg in die Sucht sein.
Deshalb meine ich, hier hinschauen zu müssen, mit einem gnadenlos ehrlichen Blick auf sich selbst.
Ich bin mir nicht sicher, ob ich das für mich alleine wirklich hinbekomme.
Ich gehe weiterhin davon aus, dass ein angewöhntes Verhalten auch wieder abgewöhnt werden kann. Vielleicht ist es gar nicht notwendig, das eigene Selbstbild in Frage zu stellen, sondern vielmehr an der eigenen Einstellung zu arbeiten, was das rauchfreie Leben an Gewinn bringt. Dabei sollten wir unterscheiden zwischen dem gebetsmühlenartigen Aufsagen was alles so toll sein wird und dem echten und tief in uns verwurzelten Wunsch nach einem anderen Leben.
Ich hatte vor einiger Zeit mit einer ganz lieben Nachbarin, die leider weggezogen ist, telefoniert und ihr von meinem Rauchausstieg und meinen Entzugssymptomen berichtet. Sie hat sich so sehr für mich gefreut und mir folgendes gesagt: „Weißt du, ich habe es geschafft, trockene Alkoholikerin zu werden, ich habe es geschafft, meine Bulimie in den Griff zu bekommen, also wollte ich mich von der Nikotinsucht auch noch befreien. Ich hatte vom ersten Tag an keine Entzugssymptome, weil ich nur glücklich war keiner Sucht mehr folgen zu müssen, weil es mein sehnlichster Wunsch war!“ (Sie ist ihre Süchte vor ganz vielen Jahren schon losgeworden und vermisst nichts)
Ist es jetzt doch nur eine Frage der Einstellung und des Wollens? Oder suchen wir weiterhin Probleme, wo gar keine sind?
Schon wieder Fragen über Fragen.....! Ich glaube, ich lasse das Grübeln. Vielleicht probiere ich es wirklich einmal damit:
[i]Einfach nicht mehr daran denken und das Verlangen nach einer Zigarette der Vergessenheit anheim stellen!
[/i] oder
[i]Vielleicht wird es leichter, wenn wir es nicht so schwer nehmen!
[/i]
Das waren jetzt ganz viele Gedanken, zu dem aufgeworfenen Thema, über das ich aber auch nicht übersehen möchte, dass du bereits [size=2][color=blue]4 beneidenswerte Monate[/color][/size] ohne das Teufelszeug erreicht hast und egal was passiert, allen Widrigkeiten trotzt!
Dazu gratuliere ich ganz herzlich!
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Zweifel nicht so viel, du bist stärker als du glaubst!:wink:
Herzlichst Scheila