Lieber Klaus,
am 03.12. schrieb ich in mein Tagebuch:
[i]"Ich stelle mir vor, ich wäre tablettenabhängig oder alkohol- oder kokainabhängig und würde beschließen, von dieser Sucht loszukommen.
Ich würde krankgeschrieben werden, vermutlich würde ich in eine Klinik können, hätte dort entsprechende Therapien plus Angebote zur Ablenkung.
Die Außenwelt würde größtenteils meinen Mut bewundern, versuchen mich zu motivieren und würde gnädig mit mir umgehen, wenn sie meine Launen zu spüren bekommt. Ein Rückfall wäre Indiz dafür, wie schwer ich es doch habe mit meiner Sucht und wie schrecklich diese Erkrankung ist.
Ich bin nicht tablettenabhängig, auch nicht alkohol- kokain- oder sonstwas abhängig. Ich bin einfach "nur" nikotinabhängig. Wie reagiert die Gesellschaft darauf?
Die meisten Menschen reagieren gar nicht. Rauchen ist ja nur eine blöde Angewohnheit, die man lassen kann, wenn man sich ein bisschen zusammenreißt. Und wer es nicht schafft, der ist halt undiszipliniert oder schlicht und ergreifend ein bisschen doof, weil er nicht erkennt, dass er sich schädigt. "[/i]
Es sind jetzt 7 Wochen vergangen, seit ich diese Gedanken geäußert habe und sie haben noch immer Bestand.
Menschen, die noch nie geraucht haben, grinsen blöd, wenn man sich mal über den Suchtdruck, den man gerade hat, äußert. So nach dem Motto: Mal gespannt, wie lange die Alte sich noch zusammenreißen kann.
Unsere Sucht ist halt nicht sichtbar. Raucher liegen nicht irgendwo eingenässt und seltsames Zeugs brabbelnd in einer Ecke rum. Sie sind nicht obdachlos durch ihre Sucht, sie prostituieren sich nicht zur Beschaffung, sie sind keine angenommene Gefahr für den durch die Stadt schlendernden Wohlstandsbürger. Sie riechen halt bissjen eklig aus dem Mund, wenn man ihnen zu nahekommt. Aber ansonsten belästigen sie den Rest der Gesellschaft nicht großartig, zumal man sie ja auch dem Blickfeld verbannt hat.
Und außerdem sind sie ja auch noch selber schuld, dass sie in dieser Lage sind.
All das führt dazu, dass wir als Menschen mit einer selbstverschuldeten, blöden Angewohnheit wahrgenommen werden und nicht als Menschen mit einer Suchterkrankung.
Ist doch ähnlich wie bei Kaufsucht. Interessiert auch keinen, weil Kaufsüchtige nur sich selber schaden und nicht als personifiziertes schlechtes Gewissen unserer Gesellschaft wahrnehmbar sind.
Ich wünsche dir einen Tag, an dem du wenigstens stur bleiben kannst.
Manchmal ist das das einzige Ziel, dass man sich für bestimmte Tage setzen sollte.
Liebe Grüße in die Hauptstadt.