Liebe LillyMarie,
oh weh oh weh, den Zustand kenne ich.Es tut mir leid für Dich, daß Du gerade so gebeutelt wirst! Doch ganz der Reihe nach. Bitte halte erstmal kurz inne, stell Dich ans offene Fenster und atme fünf Sekunden lang tief durch die Nase in den Bauch ein, sodaß er sich hebt (und nicht die Schultern oder die Brust). Halte dann die Luft weitere fünf Sekunden an und blase dann so acht bis zehn Sekunden durch den Mund sachte wieder aus, so als wolltest Du eine Kerze ausblasen. Mach das ein paarmal hintereinander, so wie es Dir gut tut. Es erleichtert und beruhigt. Selbst getestet.
Ich kenne, wie angedeutet, diesen Zustand aus meiner eigenen Aufhörerkarriere. Genau wie Du, war ich gerade einige Monate rauchfrei, am Anfang ging es auch so einigermaßen - und nach den genannten paar Monaten ging dieser Zustand los. Mein Verstand löste sich auf, ich hatte auf einmal 1000 "Argumente", rückfällig zu werden, war frustriert und demotiviert. Und was habe ich geschmachtet und hier gewettert.
Tatsächlich tritt dieser Zustand bei nicht wenigen Aufhörern genau so nach etwa drei Monaten Abstinenz auf (als Zeitraum, in dem das auftreten kann, werden so 60 bis 160 Tage genannt, bei mir waren es 120, also...). Erklärungsansätze gibt es einige dafür: einer besagt zum Beispiel, daß Nornikotin, ein Abfallprodukt beim Abbau von Nikotin, erst jetzt, nach ca. drei Monaten abgebaut wird, was dazu führt, daß sich der Raucher fühlt, als hätte er gerade erst aufgehört, als müßte er jetzt entziehen. Eine andere Überlegung ist die, daß die Psyche die Zeit braucht, um zu verinnerlichen, daß es eben wirklich nichts mehr gibt und mit einem letzten Aufbäumen reagiert. Also Du befindest Dich nicht in einem unnormalen Zustand (wenn auch höchst widerlichen, das gebe ich gerne zu). So gesehen hast Du schon recht mit dem Teufelchen, das sich da gerade auf Deiner Schulter festkrallt und Dir Schtuß ins Hirn säuselt.
Meine Erfahrung und die vieler anderer hier ist die: Auch diese Phase geht vorbei, auch wenn es sich im Moment nicht so anfühlt! Mir hat die Sucht in dieser Phase auch suggeriert, daß sie mich jetzt nie mehr in Ruhe lassen wird und mir für immer im Nacken sitzt! Und ich hätte es ihr auch fast geglaubt. Und habe hier meinen Rückfall angekündigt. Doch ich ließ mich zurückhalten, und was denkst Du? Irgendwann war der Sturm vorbei! Ich spürte nichts mehr! Und ich war so so so froh, daß ich tapfer geblieben war - und seitdem ist es vorbei. Ich bitte Dich, bring Dich nicht um diese Chance. So wie es sich anhört, könnte Dein Fall ähnlich gelagert sein wie meiner, und mir geht es echt sooooo gut jetzt. Und ich bin so stolz auf mich. Darum bitte ich Dich, halte durch und bring Dich nicht um Deine Freiheit.
Was hast Du anfangs gemacht, um Dir das Aufhören zu erleichtern? Die Mechanismen funktionieren alle noch! Von mir aus rauche Luft durch einen abgeschnittenen Trinkhalm (die Psyche besänftigt das schon mal).
Noch ein paar andere Aspekte Deiner Gedanken greife ich auf: Ich freue mich wirklich für Dich, daß Du bislang vor den körperlichen Folgen des Rauchens verschont bist. Doch ein Klischee, daß Raucher frühzeitig alternde hustende Zeitgenossen sind, ist es sicher nicht. Eher bist Du privilegiert, daß es nicht der Fall ist. Und das gönne ich Dir! Doch auch ein Erfahrungswert von mir ist es, daß dieser Alterungsprozess, wenn später, dann sehr plötzlich und schnell fortschreitend, besonders bei Rauchern, einsetzt. Vielleicht hast Du Dir das erspart.
Was das Gewicht angeht, so denke ich auch mal nicht, daß Du ein Leben lang diäten mußt. Du magst Recht haben, Dein Stoffwechsel ist noch mit der Umstellung beschäftigt. Doch öfters hört man, daß sich das Gewicht von selber ohne Klimmzüge wieder normalisiert. Laß doch erstmal ein wenig Zeit noch ins Land gehen, gib Dir, Deinem Körper diese Zeit. Und steh erstmal dieses Tief durch (und das kannst Du, davon bin ich überzeugt). Und stell doch die andere Baustelle hinten an. Was meinst Du, könntest Du damit leben?
Die Einlassung, daß man lebenslang Rauchverlangen hat, kann ich für mich nicht bestätigen. Natürlich gibt es immer wieder mal Momente, wo man das Gefühl hat, jetzt eine rauchen zu können. Weil man es früher in vergleichbaren Situationen getan hätte. Das haben wir uns mit unserer Sucht leider mit eingekauft. Aber das ist kein Verlangen, keine Schmacht mehr. Eher so ein Wind aus der Vergangenheit. Nichts anstrengendes. Kein Kampf. Ich fühle mich heute sehr sehr frei, weil ich für mich entschieden habe, nicht mehr zu rauchen (vielleicht ist das ja ein weiterer denkbarer Vorteil für Dich: Wenn Du das hinter Dir gelassen hast, bist Du nicht mehr fremdbestimmt, suchtbestimmt - sonder selbstbestimmt).
Bitte halte dieser (möglicherweise letzten) kapitalen Schmachtwelle stand LillyMarie. Wenn es bei Dir nicht so sein sollte wie bei mir, sei es so, dann können wir uns gemeinsam eine andere Strategie überlegen, doch wenn ja, dann läufst Du gerade in die Zielgerade Deiner Entwöhnung ein. Das wünsche ich Dir von Herzen!
Viele Grüße sendet Dir
Lydia