Liebe Ulrike,
herzlich willkommen, ich freu mich daß Du hergefunden hast, und gratuliere Dir gleichzeitig zu Deinem Absprung aus dem fahrenden Karussell.
Die Wehmut hast Du schön beschrieben. Sie schlägt hier immer wieder mal auf. Mal unter dem Begriff Verlustgefühle, mal mit dem Etikett Verlassenwerden, aber im Endeffekt ist es immer dasselbe. Es ist ja auch nicht unerklärlich: In nahezu jeder Lebenslage stand uns die Zigarette zur Verfügung, für manche waren es eher die schwierigen Lebenslagen, sodaß hier die Zigarette mit Kompensation, mit Troubleshooting "verwechselt" wird, und für manche - wie Dich - wurde eher in angenehmen Situationen darauf zurückgegriffen, was Dir im Nachhinein ein Gefühl von Entspannung und Genuß vermittelt hat.
Tja, was macht man dagegen. Ich möchte Dir da zwei ganz profane Schienen anbieten: Einmal die technische. Die Entwöhnung hat ja ganz viel mit dem Entkoppeln zu tun, mit dem Verlernen von Situationen. Daher möchte ich anbieten, ändere doch die Situationen, die Du bislang mit dem Rauchen verbindest. Setze Dich dieser Erinnerung, die Du ansprichst, gar nicht erst aus. Setz Dich auf die andere Seite vom Küchentisch. Oder an den Couchtisch. Such Dir vorübergehend einen anderen Platz, gehe ins Möbelhaus und kauf Dir einen mächtig bequemen Sessel für Deinen Feierabend (eine Belohnung für Deine Leistung, sei es der Ausstieg selbst, geschaffte Tage oder eingespartes Geld, ist sowieso immer angezeigt, um Dich bei guter Motivation zu halten und Dein Belohnungszentrum zu stimulieren!). Oder gestalte ihn anders, fang eine Handarbeit an, geh zum Sport oder spazieren. Ändere Deine Situationen, in denen Du geraucht hast.
Und die andere simple Strategie, die ich anbieten möchte: Laß Deine Vernunft triumphieren. Die Sucht ist in der Lage, unsere rationalen Denkprozesse völlig auszuhebeln. Unsere Argumente ins Gegenteil zu verkehren oder einfach darüber hinwegzugehen. Aber daraus befreist Du Dich jetzt, Ulrike: Erkläre Dir doch mal ganz nüchtern, was Dir die Zigarette "schönes" gebracht hat: Sie macht krank. Nicht schön. Sie stinkt (und Du folglich verströmst nach deren Genuß auch ein verändertes Aroma) - bestimmt nicht schön! Sie kostet Geld - Du könntest es genausogut direkt abfackeln - würdest Du niemals tun, richtig? Sie macht gesichtsalt - hat mir persönlich gar nicht gefallen! Und sie nimmt uns unsere Freiheit, diktiert uns, daß wir zu rauchen haben und traurig zu sein, wenn wir ihrem Diktat nicht mehr nachkommen. All das - ist nicht schön. Mal ganz nüchtern betrachtet. Richtig?
Und die schönen Erinnerungen... ich möchte mal behaupten, der Kunststudent, die Konzerte und Nächte sind immer noch schön, auch wenn Du Dir die Kippe wegdenkst. (Ich habe da auch gerade so ein Bild vor Augen, ich bin vor gefühlten hundertfünfzig Jahren auch nachts in Kneipen gesessen, zusammen mit anderen jungen Menschen, eine Diskussion führend, und ich weiß genau, daß ich dabei eine an der anderen angezündet habe - nur meine Erinnerung bezieht sich auf die Diskussion, auf die Situation, nicht auf die Zigaretten.) Und ich bin fast sicher, Du hast auch unangenehme Erinnerungen in Bezug auf die Zigarette... Sei froh daß Du diese nicht wiederholen mußt.
Morgen hast Du schon drei Tage auf dem Zähler - sehr gut! Viele erleben gerade diese ersten Tage als sehr schwer. Du hast diese schon mal geschafft. Meinen Glückwunsch!
Laß jederzeit von Dir hören, frag, schimpf, erzähl bei Bedarf. Wir freuen uns. Und bleib dran, es lohnt sich wirklich. Viele Grüße sendet Dir
Lydia