Tag 9
Tag 9 also. 8 Tage, 7 Stunden und 51 Minuten ohne Zigaretten.
Im Alter von 16 1/2 Jahren habe ich angefangen zu rauchen. Weil die coolen Typen damals in den Raucherecken standen. Die Unangepassten, die mit den Lederjacken, die, zu denen man dazugehören wollte. Na ja, ich wollte jedenfalls dazu gehören. Was ich damals noch nicht wusste: Diese ganzen coolen Typen haben inzwischen längst die Kurve gekriegt und sind, so weit ich sie noch kenne oder dann und wann sehe, alle vom blauen Dunst abgekommen. Ich leider nicht. Ich bin übriggeblieben. 28 Jahre habe ich jeden Tag so ziemlich genau eine Schachtel geraucht. Ich war also länger Raucher in meinem Leben als Nichtraucher. Ich habe mein Leben lang versucht zumindest ehrlich zu mir selbst zu sein und wusste schnell, dass die Raucherei nur ganz oberflächlich cool ist. Natürlich gab es dann ein paar Versuche, das Rauchen aufzugeben. An den letzten kann ich mich durchaus noch sehr gut erinnern: Es ist ein paar Jahre her. Ich habe in etwa 3 Monate durchgehalten, dann kam wohl der Nornikotin-Entzug und ich konnte es nicht mehr aushalten: Ich kann doch mein Leben lang nicht so weiterleben, nur an Zigaretten denken, nur an den nächsten Zug. Bei jedem Stummel, den ich auf der Strasse liegen sah dachte ich: Scheiß drauf, heb' ihn auf und zieh dran! Ich dachte, das würde jetzt so bleiben, immer, mein Leben lang. Damals habe ich aufgegeben, eine Schachtel gekauft und sie innerhalb von ein paar Tagen weggeraucht. Damals hatte ich keine Ahnung von Nornikotin. Es ging so schnell, ich war direkt wieder süchtig. Am Abend bin ich ganz kleinlaut vor dem Haus gesessen, habe geraucht und geheult. Ich bin 1,86 m groß, 85 kg schwer, Alter im aktzeptablen Bereich, habe Zeit meines Lebens Sport getrieben, einen nachgewiesenen überdurchschnittlichen IQ und bisweilen ein ganz ordentliches Selbstbewusstsein, ich würde sagen: ein richtiger Mann, aber diese verkackten 10 cm haben mich im Griff. Ein 10 cm-Stängelchen, das mit mir macht, was es will. Ich will frei sein? Einen Scheiß bin ich. Das heißt das war ich. Seit 8 Tagen und 8 Stunden fühle ich endlich Freiheit... Was für ein Gefühl!
Natürlich dreht sich noch alles in meinem Leben um das Rauchen, besser gesagt um das Nichtrauchen. Ich schreibe diesen Text hier um mit mir ins Reine zu kommen, werde dann wieder über das Nichtrauchen lesen, Erfahrungsberichte anderer ehemaliger Raucher, all das. Es ist auch wichtig für mich. Ich möchte nicht unvorsichtig werden. Nicht vergessen, was es für mich bedeutet, abhängig zu sein. Ich habe Apps auf meinem Smartphone installiert, die mir sagen, dass ich inzwischen 158 Zigaretten nicht geraucht habe. Nicht die große Aufgabe dies mathematisch zu ermitteln, ich habe es nur nie getan. Im Gegenteil: Ich habe nur in Ausnahmefällen Zigaretten stangenweise gekauft. Immer nur ein Päckchen, und auch keinen BigPack oder so was. 158 Zigaretten in etwas mehr als einer Woche also. Das sind 158 Zigarettenstummel, die ich mit schlechtem Gewissen auf die Straße geschnippt oder sonstwohin entsorgt habe. Eigentlich mache ich sowas nicht. Das passt nicht zu mir. Ich werfe meinen Müll nicht einfach auf die Straße. Zigarettenkippen schon...
Und dann die Berichte von den ganzen tollen Typen, die echten Kerle, die das Rauchen einfach so von einem Tag auf den anderen aufgehört haben und nie wieder auch nur das kleinste Verlangen gespürt haben, maximal vielleicht den einen oder anderen Gedanken zwischendrin verschwendet haben.
Fickt euch, ihr Deppen!
Solche Berichte habe ich schon beim letzten Nichtraucherversuch zuhauf gelesen, sie mir erzählen lassen, und naiv wie ich bin dachte ich: Warum ist das bei mir nicht so? Warum kommt bei mir der richtige Moment nicht einfach so? Weil er bei keinem einzigen einfach so kommt, weil die Großmäuler halt wieder ihre harten-Männer-Geschichten zum Besten geben, scheißegal, was es kostet. Was sollte es die auch interessieren? Es kostet mein Leben. Nicht ihres.
Bei mir jedenfalls war und ist es anders: In den ersten 3 Tagen gab es nichts anderes als Nichtrauchen. Ich habe nicht wirklich schlimme körperliche Schmerzen gespürt, es war mir aber absolut nicht möglich mich auch nur auf das Nötigste zu konzentrieren. Ich konnte kaum sitzen. Immer wieder musste ich aufstehen, mich bewegen. Du kannst es nicht ohne, dachte ich mir, das schaffst du nicht. Rauch eine, das packst du nicht. Und dann dachte ich mir wieder: Nein, das tust du dir nie wieder an! Du gehst da jetzt durch. Und zwar jetzt. Nicht noch eben eine, sondern jetzt.
In der ganzen ersten Nichtraucherwoche bin ich wie bekifft durch mein Leben gestolpert. In einer Stadt, in der ich jetzt schon zwei Monate nahezu jeden Abend um den Block laufe und die nähere Umgebung eigentlich ganz gut kenne war ich, nachdem ich zweimal von meinem üblichen Weg abgebogen bin völlig orientierungslos. Abgelenkt durch das Handy am Ohr, den Kopf voller Gedanken und dann war ich einfach verloren, lost, in der Innenstadt einer popeligen deutschen Kleinstadt. Keine Chance die Grütze auf Kurs zu halten, reiner Matsch im Hirn.
Ja, die Großschwätzer! Als ob 28 Jahre Rauchen nichts mit einem machen. Als ob es dann kein Problem wäre, eben mal das Rauchen sein zu lassen.
No, Sir! Ich lasse mir das von Niemandem kleinreden! Ich habe schon vieles gepackt in meinem Leben; wenn ich aber hier aus der Nummer rauskomme, wenn ich mal hier unter meinem Usernamen eine dreistellige Zahl bei Nichtrauchertagen vermerkt sehe, dann ist das schon richtig großes Tennis. Ich denke es wäre die fetteste Nummer, die ich in meinem Leben gebracht habe. Es ist ein Marathon. Ich muss loslassen, den Kopf freimachen für das Leben, für die Aufgaben meines Lebens, es rollen lassen. Nicht nur denken: Keine Rauchen! sondern einfach weiterleben. Nur eben ohne Klotz am Bein. Also Respekt an alle, die es gepackt haben. Aus tiefster Überzeugung. Für jeden stellt es sich vielleicht anders dar, jeden könnte es woanders wieder erwischen, der eine hat es leichter, der andere muss mehr leiden. Die ganzen Raucher aus meiner Umgebung, die natürlich erzählen dass sie gerne rauchen und jetzt argwöhnisch auf mich schauen, mitbekommen, dass ich aufgehört habe zu rauchen sind der Beweis dafür, dass es höllisch schwer ist von dem Dreck loszukommen. Das sind ja auch keine Deppen; die wissen selbst, was sie sich damit antun. Sie schaffen den Absprung nur nicht. Natürlich werde ich jetzt geschnitten: Suchtige wollen Kumpane, keine Zeugen. Ist mir wurscht: Ich habe gerade besseres zu tun als Unsummen dafür auszugeben mich selbst zugrunde zu richten.
Ein Grund, warum ich das hier niederschreibe ist: Ich muss meine permanente Angst loswerden, hier zu versagen. Ich habe viel investiert ins Nichtrauchen und es wäre eine super Sache, wenn es diesmal klappt. Aber ich bin bisher immer wieder aufgestanden, wenn es mich der Länge nach hingelegt hat. Ja, ich habe Angst, dass ich versage und nochmal eine Woche durch diese Hölle muss. Ich habe Angst, dass ich wieder Jahre brauche, bis ich genug Kraft für einen neuen Versuch gesammelt habe.
Egal. Ich würde es tun. Wenn es passiert werde ich es tun. Also lebe ich jetzt mein Leben, schaue, dass ich auf der 'sauberen' Seite bleibe aber wenn es mich erwischt, dann erwischt es mich halt. Angst aus, vorwärts marsch!
Ich kann nach 8 Tagen Abstinenz auch nicht gerade sagen, dass es mir gesundheitlich jetzt unglaublich gut geht. Ich habe bisher nicht gekannte Schmerzen in der Brust, im Kopf, neige zu Muskelkrämpfen, meine Atemwege sind verstopft, mein Hals ist gereizt wie zu schlimmsten Raucherzeiten. Ich kann auch nicht gerade behaupten, dass ich vorbehaltlos die regenerierten Geschmacks- und Geruchsrezeptoren geniessen kann: Hölle, die Welt stinkt ja wirklich unglaublich! Es ist mir noch von letztem Mal in Erinnerung und ich muss wieder darüber lachen: Auf jedes duftende Röschen kommen 10 stinkende Kanaldeckel.
Mir sind auch die 40 Euro nicht so wichtig, die ich bisher eingespart habe.
Ich habe meine eigenen, persönlichen Erfolgserlebnisse: Meine Hände und Füße sind nicht mehr dauernd entweder eiskalt oder total verschwitzt. Es war mir immer so peinlich die verschwitzte Flosse den Geschäftspartnern hinhalten zu müssen! Es hat Jahrzehnte gedauert bis ich festgestellt habe, dass andere Raucher durchaus ähnliche Probleme haben. Meine Haut wird langsam aber sicher auch etwas besser. Noch nicht wie es sein könnte, aber für Tag 8 ganz ordentlich. Mein Magen hat sich ein bisschen erholt. Manchmal war mir schon nach der ersten Zigarette am Morgen schlecht, aber was so ein richtiger Raucher ist, der ignoriert das halt, nicht wahr?
Ja, bevor das hier noch ein Roman wird bremse ich mich mal lieber wieder ein. Na ja, eins noch, was ich gerne loswerden will an alle, die noch überlegen ob die Opportunitätskosten des Nichtrauchens tragbar sind:
Anders als oftmals zu lesen ist Alkohol überhaut kein Problem für mich und hilft mir sogar ein bisschen.
Zum einen vertrage ich inzwischen so in etwa das Doppelte und der Kater nach einer Sauftournacht fühlt sich bei weitem nicht so fies an wie er sich für mich als Raucher angefühlt hat.
Der andere Punkt, der für mich aber viel entscheidender ist: Ich suche mir jetzt die Kneipen raus, nicht mehr meine 10cm-Geissel. In was für Spelunken in mich rumgetrieben habe, nur um zu meinem Bier eine rauchen zu können. Wirklich unfassbar. Jetzt gehe ich in die Kneipen meiner Wahl. Dorthin, wo es nett aussieht, interessant, dort wo hübsche Mädels rumsitzen, wo es was Leckeres zum Essen gibt. Das ist in der Regel eben nicht dort, wo man rauchen kann. Und ich geniesse das so richtig! Ich beschränke mich also auf Nichtraucherkneipen und gerate dadurch gar nicht in Gefahr 'versehentlich' eine zu rauchen. Und auf dem Rückweg nach Hause bin ich schon wieder froh, dass ich keine Kippen auf die Strasse schnippen muss. Mich nicht wie ein assozialer Arsch verhalten muss, weil kein Ascher da ist. Es ist also jeder Jeck anders wie es so schön heisst und ich kann mein Nichtraucherdasein durchaus und anscheinend gefahrlos begiessen. Und ich feier' das auch. Ich habe nicht vor, dieses Ereignis in meinem Leben zu wiederholen....