4 Adventskranz – Die erste kleine Flamme
Die Sonne schob sich zaghaft durch die Ritzen der Vorhänge, dennoch verschlief ich an die-sem sonnigen Sonntagmorgen. Als ich die Augen öffnete, war ich noch halb in meinen dun-kelsten Träumen gefangen. Der Wecker hatte längst aufgegeben, die Schlummerfunktion ka-pituliert. Mit einem Ruck schwang ich mich aus dem Bett. Die Kälte des Bodens biss in meine Füße. Unter der Dusche ließ ich das Wasser viel zu heiß laufen, bis meine Haut brannte, als müsste die Hitze das innere Frösteln vertreiben – was nicht gelang. Die Nordic-Walking-Stöcke lehnten in der Ecke, wie zwei stumme Zeugen eines Lebens, das ich zu kontrollieren versuchte. Ich griff danach, setzte meine weiße Mütze auf, zog die Sonnenbrille tief ins Ge-sicht.
Ich musste raus.
Weg.
Die Gedanken und Träume abschütteln,
bevor sie wieder zu laut wurden.
Das Telefon vibrierte auf der Anrichte. Mutter Rosarot. Ich ließ es so lange vibrieren, bis es von selbst verstummte.
Ich trat vor die Tür, atmete die klare, kalte Luft ein und marschierte los. Schritt für Schritt, als könnte die Bewegung mich von allem lösen. Doch die Kälte kroch mir nur tiefer in die Kno-chen.
Und dann war der Gedanke wieder da – leise zuerst, wie ein Tropfen in einem leeren Raum, dann laut und schwer:
Hatten Totenschwarz oder Schwarzgold
etwas mit Marcs Tod zu tun?
Ich wusste es nicht.
Seit über fünfzehn Jahren.
***
Der Weg in den Wald begann als schmaler, matschiger Kiesstreifen, auf dem man leicht weg-rutschte. Über mir griffen dunkle Nadelzweige ineinander, dicht wie ein Dach, das den Himmel fast ganz verschluckte. Das Licht fiel nur in schmalen, flackernden Bahnen auf den Boden. Meine Stöcke stießen im gleichmäßigen Takt in den weichen Boden – tock, tock.
Links lagen kahle, gefrorene Äcker, deren Erdschollen hart wie Stein wirkten, rechts Wiesen unter einer makellosen Schneedecke, die in der Wintersonne glitzerten wie feine Diamanten. Jeder Atemzug stieg als kleine Dampfwolke in die helle, kühle Waldluft.
An einer Lichtung blieb ich stehen und trank einen Schluck aus meiner Wasserflasche. Mein Blick fiel auf eine kleine Wanderbank, deren Holzlatten von der Mittagssonne getrocknet wa-ren. Ich setzte mich und zog die Kopfhörer aus dem Rucksack. Ein Klick, und die Musik flutete meine Synapsen. Die Stimme der Sängerin, klar und nah, wie aus einer anderen Zeit zog mich in ihren Bann:
[i]
Una storia che vale – Laura Pausini[/i]
Und ein Leben ist nicht genug um eine wahre Geschichte zu vergessen
In deine Augen, die dabei sind, mich anzuschauen, vergiss das nicht!
Es ist schwer für mich, lernen zu leben
Ich muss nicht meine Gegenwart verlassen, unvermittelt ohne dich
…
Denn ein Leben ist nicht genug, um zu vergessen ,wie man lieben kann
An deinen Name und an deine Stimme zu denken, fühle ich mich nicht schlecht
Und ein Leben ist nicht genug, um eine wahre Geschichte zu vergessen
In jede kleine Einzelheit, vergiss das nicht, vergiss das nicht!
Die ersten Töne legten sich über meine Gedanken wie eine Decke. Ich lehnte mich zurück, zündete mir eine Zigarette an, schloss für einen Moment die Augen – und die alten Bilder übermannten mich.
Nach dem Abschlussball packten Marc und ich unsere Sachen.
Ich stand am Straßenrand, sah zu, wie er den letzten Karton in den Kofferraum wuchtete. Ein kurzer Blick zurück – kein Wort, nur dieses halbe Lächeln, das mehr versprach, als wir halten konnten. Er fuhr nach Bayern. Ich in die Goldstadt. Knapp fünfhundert Kilometer lagen jetzt zwischen uns.
Wir blieben in Kontakt. Briefe. Postkarten. Nichts, was jemand falsch verstehen konnte. Wir wussten beide, warum.
Während ich mich wieder mit gleichmäßigen Schritten durch den matschigen Waldboden schob, drangen einzelne Sonnenstrahlen wie dünne Goldfäden durch das dichte Nadelge-flecht über mir. Der Takt meiner Stöcke passte zum Beat in meinen Kopfhörern – gleichmäßig, fast beruhigend. Und dann tauchten sie auf – die Zeilen seiner letzten Nachricht, sorgfältig in krakeliger Schrift auf eine Postkarte mit graublauen Bergen im Hintergrund geschrieben:
„Ich habe mich sehr über deinen Brief gefreut. Man kann wirklich nichts ohne dein Wissen tun! ? Bin momentan… Es schüttet gerade wie aus Eimern. Ich weiß noch nicht wann ich am Freitag zu Hause bin, aber melde dich einfach.“
Ich musste lächeln, obwohl es leicht in der Brust stach. Für einen Moment war es, als wäre der Wald heller, der Boden weicher und die Luft wärmer.
Am Horizont schoben sich die ersten kleinen Wölkchen wie träge schwarze Schafe über den blasser werdenden Winterhimmel. Eine kühle Brise strich durch die hohen Stämme, trug den Duft von feuchtem Moos und altem Harz mit sich, ließ die Zweige leise rauschen. Ich nahm die Kopfhörer ab. Knacken. Irgendwo brach ein kleiner Ast unter unsichtbaren Schritten. Vielleicht ein Reh. Vielleicht nur der Wind. Ich blieb stehen, lauschte – und ein Lächeln huschte über mein Gesicht. Dieser Klang, dieses leise Atmen des Waldes, machte mich für einen Moment leichter. Gerade lange genug, um mir eine weiße Davidoff anzuzünden, den Rauch in der kla-ren Luft zu schmecken.
Dann kamen die Erinnerungen zurück – nicht laut, nicht stürmisch, sondern schleichend wie Nebel, der erst sanft die Konturen verwischt und dann plötzlich alles verschluckt.
Fetzen, unscharf und doch messerscharf zugleich. Ich hatte es immer geahnt, tief in mir, dass es mit meinem Vater eines Tages schlimm enden würde. Vielleicht hätte ich ihn nicht überreden sollen, aufzuhören – damals, als die Bank meine Unterlagen den Ermittlern aus-händigte. Vielleicht hätten wir es noch rechtzeitig über die Grenze geschafft, in Sicherheit.
Aber „vielleicht“ war ein Wort, das in meiner Familie keinen Platz hatte.
Meine Familie hatte Recht: Der Feind hört immer mit.
Über mir verdichteten sich die Wolken, die eben noch wie harmlose, schwarze Schafe gewirkt hatten, zu einer schweren, grauen Wand. Die Brise frischte auf, roch jetzt nach nassem Holz und Erde, nach etwas Kaltem, Altem. Ein erstes, feines Nieseln setzte ein – so zart, dass er kaum die Haut berührte, und doch genug, um die Luft schärfer und frostiger wirken zu lassen.
Der Rhythmus meiner Schritte verlangsamte sich unwillkürlich. Ich sog den Rauch meiner Davidoff tiefer ein, als wollte ich die Wärme festhalten, bevor sie sich verflüchtigte.
Der Nieselregen traf mein Gesicht, kalt und spitz wie winzige Nadeln. Über den Wipfeln ver-dichteten sich die Wolken zu einem einzigen bleiernen Block. Und dann waren sie da – nicht sanft, nicht schleichend, sondern wie eine Tür, die ohne Vorwarnung aufgestoßen wird: die Schatten der Vergangenheit. Scharf, kalt, ungebeten.
***
Am Valentinstagmorgen in der Goldstadt. Der Schlag gegen meine Wohnungstür, so hart, dass das Holz splitterte.
„Gesichert!“
Frostige Stimmen, befehlsgewohnt. Schritte. Metall auf Metall. Dann brachen sie herein – ein Trupp maskierter Staatsmänner, schwarz wie die Nacht. Helme. Kugelsichere Westen. Ma-schinenpistolen im Anschlag. Mein sicher geglaubtes Zuhause wurde in Sekunden zu einem Tatort.
Mein Körper erstarrte. Die Luft blieb mir im Hals stecken, scharf wie Glassplitter. Ich wusste nicht, ob ich noch träumte – doch ich war hellwach. Kein Traum. Keine Verwechslung. Nur das Dröhnen meines Herzschlags in den Ohren und dieser beißende Angstschweiß, der jede Be-wegung lähmte. Plötzlich diese Gewissheit – schwer wie Blei:
[b]Nichts würde je wieder so sein wie zuvor.[/b]
Observiert. Abgehört. Zensiert. Ausgeliefert. Jeder Brief, jedes Telefonat ein potenzielles Be-weisstück. Worte, so gefährlich wie eine Bombe. Ich schwieg. Wollte nur meine Ruhe. Aber mit Dad gab es keine Ruhe. Nur diese unausgesprochene Drohung – klar, kalt: Wer nicht schweigt, stirbt.
Mein Vater war wieder einmal das Gesicht in den Abendnachrichten, während Schwarzgold längst über die Grenzen verschwunden war.
***
Der Nieselregen hatte sich in feinen Eisregen verwandelt, der mein Gesicht wie eine starre Maske umhüllte. Plötzlich blieb ich im unebenen Matsch des Waldbodens stecken, als hätte er mich festhalten wollen.
Ich rang nach Luft.
Klar, jetzt mit dem Rauchen aufhören.
Perfektes Timing, murmelte ich.
Ein paar Schritte weiter öffnete sich der Fichtennadelwald, und vor mir stand ein schlichtes Wegkreuz. Das Akazienholz war dunkel vom Regen, am Sockel lag ein frischer kleiner Strauß weißer Rosen mit Vergissmeinnicht, überzogen von einer dünnen Schneeschicht. Über dem Corpus Jesu perlten Eiskristalle, die im schwächer werdenden Licht zu schmelzen begannen.
Der Wind ließ nach. Die graue Wand über mir in der Troposphäre riss langsam auf, als hätte jemand vorsichtig einen schweren Vorhang beiseitegeschoben. Zwischen den Bruchstücken zeichneten sich blasse, klare Streifen Himmel ab. Aus Eisregen wurde Schneeregen, dann leichter, tanzender Schnee, der sanft auf meinen Schultern zerging, kaum spürbar, und doch wie eine stille Geste des Trostes. Ich blieb stehen. Mein Blick ruhte auf diesem stillen, leiden-den Gesicht. Der erste Advent – Zeit der Vorbereitung, des Wartens, der Hoffnung. Und der Wachsamkeit. Seid wachsam, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt. Die Worte aus alten Predigten klangen in mir wie ein fernes Echo.
Wachsamkeit richtet sich nicht nur nach außen – manchmal zwingt sie dich, auch nach innen zu sehen. Und die schwerste Prüfung ist nicht die vor Gericht – es ist die vor dem eigenen Gewissen. Und was dann? Vergeben…? [i]Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben.[/i] Der Schnee fiel weiter, leise, als wolle er die Welt zudecken. Alles reinwaschen. Alles vergessen machen. Geduld, flüsterte eine Stimme in mir, ist die Fähigkeit, beim Warten die richtige Haltung zu bewahren. Ich stellte die Stöcke neben mir in den Schnee, löste für einen Moment den Griff und ließ meine Finger in der kalten Luft kribbeln. Mein Blick wanderte zurück zu dem Kreuz. Wahre Nähe, dachte ich, beginnt mit ehrlicher Dankbarkeit.