28.08.2025 19:12

Auseinandersetzung der eigenen Nikotinabhängigkeit als Romanerzählung.

38
38Beiträge
29.08.2025
15:27 Uhr
Hallo Cia25, jetzt habe ich gerade Kap. 3 hochgeladen. Ja in den ersten beiden Kapiteln taucht das Rauchen noch recht nebensächlich auf. Der fiktive Hauptcharakter ist aber schwer nikotinsüchtig. Ich habe mir richtig was einfallen lassen als Story. Ich hoffe es gefällt euch und macht Spaß beim Lesen. Ganz viele Grüße :rose:
29.08.2025
15:23 Uhr
Liebe Pati*81, ich habe insgesamt schon 6 Kapitel fertig geschrieben. Der Roman ist noch in Arbeit, daher kann es mit 6+ Kapitel noch etwas dauern. Da du gerne Bücher liest würde mich deine Meinung natürlich interessieren. Wie findest du den Einstieg ? Ich habe vor jedem Kapitel eigentlich ein Foto und bei den Lyrics gibt es eigentlich in der Originaldatei einen Hyperlink zum Song. So das der Leser selbst entscheiden kann, wie weit er sich in Snowwhites konstruierte Welt hineinversetzten möchte. Ganz viele Grüße :flowers:
29.08.2025
15:18 Uhr
Liebe Marion, Danke für den Hinweis, das würde Sinn machen hier einen dritten Wolf (grau) einzubauen. :sweatpea:
29.08.2025
15:16 Uhr
Kapitel 3. Über Fünfzehn Jahre zuvor – Männergespräche Genervt hocke ich an der Bushaltestelle vor meiner Schule, die Ellenbogen auf die Knie ge-stützt. Seit Totenschwarz wieder zurück ist, meint er, mich jeden Freitag in seinem neuen „Schrottwagen“ – einem mattrot lackierten Audi – abholen zu müssen. Ernsthaft, wer hat das bitte bestellt? Es war so viel entspannter, als er noch in seiner kleinen Wohnung im Roten Tal lebte, mehrere Tagesreisen entfernt. Regelmäßig besuchte ich ihn dort. Und jedes einzelne Mal hieß es: ‚Snowwhite, erzähl, was du gemacht hast.‘ Haarklein, ohne Lücken, versteht sich. Immer wollte er wissen, wie weit ich mit seinen ach so weltbewegenden Projekten war. Es reichte nie. Es war nie genug. Ich kam mir vor wie seine persönliche Gratis-Sekretärin. Vielleicht findet er ja irgendwann eine neue Frau, die ihm den ganzen Mist abnimmt. Aber ehrlich? Mit seinem schiefen Grinsen und der Out-of-Bed-Frisur? Viel Glück, Totenschwarz. Ich liebte ihn, natürlich. Aber manchmal wollte ich einfach nur ein bisschen Freizeit. So wie er – mit hochgelegten Füßen vor der Glotze, schnarchend. Neulich bin ich mal wieder in der Schule eingepennt, während Marc den Lehrer ablenkte. Mei-ne Freunde wussten genau, warum. Bis tief in die Nacht saß ich im Keller vor den Monitoren und arbeitete. Immer für ihn. Ehrlich, ich hätte Besseres mit meiner Zeit anfangen können als diesen nervigen Papierkram. Aber ich wusste: Eine Hand wäscht die andere. Und wenn du Totenschwarz eine Hand reichen musst, kannst gleich beide hinhalten. Also wartete ich geduldig und pflichtbewusst an der blauen, metallenen Haltestelle, während meine Augen nur noch auf Halbmast arbeiteten. Der Hof war inzwischen menschenleer. Alle anderen waren längst abgeholt worden. Die Busse mit meinen Klassenkameraden waren schon vor mindestens zwanzig Minuten abgefahren. Ich hörte seinen Wagen schon aus der Ferne. Dem Motorengeräusch nach musste das der Fahrstil meines Vaters sein. Sein mattrot lackierter Audi bog um die Kurve, und kurz vor der Bushaltestelle bremste er abrupt ab. Er ließ die Scheibe herunter und klopfte wie gewohnt auf das Armaturenbrett. [i]„Snowwhite, mein Engel, komm steig ein, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“[/i] Erschöpft öffnete ich die Beifahrertür und ließ mich auf den Sitz fallen. „Dad ich wäre ehrlich gesagt lieber bei Marc auf dem Roller mitgefahren“. [i]„Geht das schon wieder los? Snowwhite hör mal…,“ fing er an während er den Rückspiegel zurechtrückte.[/i] Meine Schultasche werfe ich auf die Rückbank, die Tür schlage ich mit einem dumpfen Knall zu. Schon wieder dudeln die alten Schinken, die er immer hörte, aus den Boxen. Der Bass lässt das Fahrzeug leicht vibrieren. Ohne ein weiteres Wort schaltet er auf Allradantrieb, trat sanft aufs Gaspedal und griff nach dem Schaltknüppel, während er das Lenkrad mit einer flie-ßenden Bewegung herumriss. Ich schnitt ihm das Wort ab: „Dad, kannst du mich bitte nach Hause bringen? Mir tun immer noch die Wangen weh – von dieser brutalen OP.“ Er raunte: „Hier, deine Kippen aus der Bergschlucht und ein Gruß von Schwarzgold. Hast du die Schmerzmittel vom Arzt wieder vergessen zu nehmen?“ Ich griff nach einem Glimmstängel und zündete ihn an. Wenigstens bekämpfte das Zeug die Müdigkeit. Zwei, drei tiefe Züge, während wir der Musik lauschten. Der Rauch füllte die Luft, und die Worte des Songs schlichen sich in meinen Kopf: Wer kann schon sagen, was mit uns geschieht? Vielleicht stimmt es ja doch Dass das Leben eine Prüfung ist In der wir uns bewähren sollen Nur wer sie mit Eins besteht Darf in den Himmel kommen Für den ganzen dreckigen Rest Bleibt die Hölle der Wiedergeburt Als Tourist auf Ibiza Als Verkehrspolizist Als ein Clown in einer Zirkusshow Den keiner sehen will Um diesem Schicksal zu entfliehen Sollen wir uns redlich bemühen Jeden Tag mit 'nem Gebet beginnen An Stelle von Aspirin Nur wer immer gleich zum Beichtstuhl rennt Als wär es ein Wettlauf Und dort alle seine Sünden nennt Der handelt einen Freispruch aus. [i]Paradies – Die Toten Hosen[/i] Der Fahrtwind, der durch das geöffnete Fenster hereinzog, tat sein Übriges. Die bleierne Müdigkeit wich langsam, Zug um Zug. Snowwhite wollte nur nach Hause. Ihre Backen schmerzten immer noch von der OP der Weisheitszähne, und das Ziehen in den Wangen fühlte sich an, als hätte jemand eine Axt durch ihren Kiefer geschlagen. Sie erinnerte sich, dass Schwester Weißrosa bei derselben OP ein Jahr zuvor viel schonender behandelt worden war. „Typisch“, dachte sie, „Ich muss natür-lich die Brutalo-Version über mich ergehen lassen.“ Doch Totenschwarz hatte wie immer andere Pläne. Jede Minute ihrer Zeit war durchgetaktet, als wäre sie Teil einer perfekt getimten Militäroperation. „Warum kann ich nicht einfach nach Hause und mich hinlegen?“, fragte sie genervt. „Wie oft muss ich dir das noch erklären? Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen! Du kannst doch einfach im Auto schlafen – so wie immer!“ brummte er zurück, während er das Lenkrad mit festem Griff hielt. Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, bog er Richtung Ortsausgang ab. Ich sank in mei-nem Sitz zurück, während er auf der Landstraße beschleunigte, dann trat er das Gaspedal voll durch. Der Wagen wog mich – wie in alten Kindheitstagen – sanft Kurve für Kurve hin und her. Ich schnippte die Zigarette aus dem Fenster und zog eine weitere aus der Schachtel. Das Nikotin durchströmte meine Adern, und mit jedem Zug spürte ich, wie mein Körper sich lang-sam entspannte. Auf der Autobahn drehte er die Musik leiser. „Und lass das mit den Kippen aus dem Fenster – wie oft denn noch? Hast du dein Handy ausgeschaltet?“ „Ja, ja, ja, Totenschwarz. Alles wie immer“, murmelte ich genervt. „Entspann dich lieber und achte auf die scheiß Blitzer. Und wehe, du knallst mir meinen Kopf gegen das Armaturenbrett, falls dich das Rotlicht mal wieder nicht interessiert.“ Da er seine rechte Hand jetzt nicht mehr zum Schalten brauchte, weil er längst im höchsten Gang war, legte er sie sanft auf mein linkes Knie. „Schlaf jetzt. Bis wir ankommen, ist es längst tief dunkel.“ Während mein Vater uns mit Höchstgeschwindigkeit sicher durch Hügel, Berge und Gebirge, durch Wälder, Wiesen und Äcker navigierte, nur um uns kurz darauf durch Senken, Täler und Schluchten zu lenken, sank ich mit schmerzenden Wangen sanft in den Schlaf, gewärmt von der Sitzheizung und dem leisen Summen des Gebläses. Spät in der Nacht wurde ich langsam vom entfernten Heulen einer Sirene geweckt, die über die Autobahn hallte. Mit verschlafenem Blick fragte ich: 'Sind wir bald da? Die Musik war längst verstummt, und in der Stille antwortet er: 'Gleich. Es ist nicht mehr weit. Ich bring dich ins Bett und mach dir noch einen warmen Gute-Nacht-Tee. Hast du dich eigentlich schon informiert wegen deinem Lappen?" fragte er beiläufig, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. "Anscheinend gibt’s jetzt dieses Begleitete Fahren. Dann könntest du zeitnah mit dem Autofahren anfangen. Automatisch griff ich nach der roten Pall Mall Schachtel in der Seitentür, drehte die Scheibe runter und nahm das Feuerzeug in die Hand. 'Ich weiß, du hast schon vorletzte Woche ge-fragt,' begann ich, während ich die Flamme entzündete, 'aber ich hab’s einfach nicht geschafft. Wir hatten eine Klassenarbeit, und ich musste Marc noch erklären, wie das mit den binomi-schen Formeln funzt, damit er den Test überhaupt besteht.' Ich nahm einen tiefen Zug, blies den Rauch aus dem Fenster und fragte, ohne ihn anzusehen: 'Ich google den Scheiß morgen früh an deinem Computer. Unter welchem Namen hast du diesmal im Appartement eingecheckt? „Karl – Hans Müller“, antwortet er beiläufig während er im Kreisverkehr die zweite Ausfahrt nahm. Die Reifen griffen auf dem vom Stark-regen durchtränkten nassen Asphalt und führten uns über eine Brücke – unter ihr befand sich eine Schlucht durch die ein Fluss führte, dessen Wasser im Mondlicht glänzte. Meine Blicke verschlangen den Anblick der Landschaft, als ich durch das Fenster sah. Dann flogen die verschiedenen Ortschilder an meinen Augen vorbei. Dad sagte mit sanfter, aber bestimmter Stimme: „Aquaplaning – da brauchst du gute Reifen und einen sicheren Griff am Lenkrad. Bei Sturm immer Gegenlenken und mit dem Motor die Geschwindigkeit drosseln. Sonst wird’s rutschig.“ „Schon kapiert – wer bremst, verliert“, entgegne ich stumpf und nahm einen weiteren Zug von meiner Zigarette. Er raunte zurück: „Keine Kippen am Lenkrad, und bei Glatteis nicht dicht hinter einem LKW kleben. Deine Mutter fuhr immer, als wollte sie die Stoßstange des Vordermanns küssen. Ein bisschen Abstand, Snowwhite – je nach Großwetterlage. Hast du das verstanden? Keine Faxen. Der Audi ist kein Spielzeug.“ Ich nickte stumm, und in meinem Hirn ploppte der Spruch … Fortschritt durch Technik … kurz auf, doch er fuhr unbeirrt fort: „Deine Mutter hat das nie verstanden. Der Fahrstil deiner Mutter – verstehst du – wie auf der Flucht – ist keine gute Sache! Du musst dich einfach konzentrie-ren. Und nicht so viel rauchen.“ Ich schnaubte leise, aber er fuhr dennoch fort: „Ich hab dir extra ein Altglas mitgenommen, für deine Kippenstummel. Wir dürfen hier in der Gegend nicht gesehen werden – keine Spuren hinterlassen. Die Kameras an den Zapfsäulen und Bankautomaten habe ich schon gecheckt. Sind alle soweit sauber.“ Er deutet mit einem Nicken aufs Handschuhfach. „Im Handschuhfach ist deine Karte. Spazier nicht in den rot markierten Bereichen herum. Halt dich an die Regeln. Kein Anruf, keine SMS, kein gar nix, bis wir hier wieder sicher draußen sind. Morgen holen wir Schwarzgold an den Gleisen ab. Du gehst einkaufen und kochst Spaghetti. Irgendwie musst du ja mal das Kochen lernen. Und nimm eine Flasche Wein mit.“ Er zog eine kleine Mappe aus der Innentasche seiner Jacke und reichte sie mir. „Hier ist dein neuer Pass für die nächsten Tage.“ Und er betonte wie immer: „Und denk dran – der Feind hört mit.“ Er parkte den Wagen auf einem beliebigen Stellplatz, stieg aus und öffnete den Kofferraum. Mit einem Griff nahm er die Taschen heraus und meinte knapp: „Komm, dein Bett ist gleich da drüben. Die Rechner sind schon aufgestellt. Wir müssen morgen in aller Herrgottsfrühe raus, und ich will dir noch schnell deinen Tee machen.“ Ich zögerte nicht lange, griff nach meiner Tasche und folgte ihm schweigend wie ein Entlein. Mit einem Ruck ließ er den Kofferraumdeckel zuschnappen, dessen Echo kurz durch die Tief-garage hallte. Dann gingen wir durch die Türen, durch die Gänge, bis er schließlich stehen blieb und einen Schlüssel aus der Tasche zog. Mit einer fließenden Bewegung öffnete er die Tür des Appartements in Schwarzgolds Wahlheimatstadt Eisrosenthal. Typisch Dad – es roch hier schon nach ihm. Eine Mischung aus abgestandenem Kaffee, Le-der und der subtilen Note von Rasierwasser. Zielstrebig ging er in die kleine Küche, während ich direkt ins Bad abbog, um mir die Zähne zu putzen. Als wir schließlich im Schlafzimmer ankamen, standen da zwei Einmannbetten, wie immer. Meins war rechts an der Wand. Dad schlief grundsätzlich an den geschlossenen Fenstern, die Heizung aufgedreht, so dass der Raum bald zur Sauna wurde. Und natürlich würde er wieder die ganze Nacht durch die Wände schnarchen, während der beißende Geruch seiner ver-schwitzten Füße sich wie Nebel im ganzen Raum ausbreitete. Im Hintergrund fiepte der Wasserkocher. Ich schlüpfte in meinen Schlafanzug und war gerade bettfertig, als eine dampfende Teetasse schon auf meinem Nachttisch stand. Er kam noch kurz zu mir, drückte mir einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn und ließ sich dann in sein Bett fallen. Wie ein müder Bär zog er die Decke um sich, drehte sich zur Seite, und bevor ich über-haupt liegen konnte, war er schon am Brummen. Ich legte mich ebenfalls hin und zog mein Tastentelefon aus der Gesäßtasche meiner Jeans. Neugierig klappte ich es auf, in der Hoffnung, dass Marc mir geschrieben hatte. Vielleicht hatte eine Nachricht mich doch noch erreicht, bevor ich den Flugmodus auf der Autobahn einschal-ten musste? Aber der Posteingang war leer. Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: Hatte Dad schon wieder meine SIM-Karte ausge-wechselt, während ich schlief? Ich war es so satt. Jeden Monat dasselbe Theater – Berge an No-Name-SIM-Karten musste ich bei irgendwelchen windigen Händlern bar kaufen, weil Dad selbst keinen Bock auf Shoppen hatte. Alles landete auf meinem Schreibtisch. Er will nach der Arbeit einfach nur noch auf die Couch, Pizza Inflatione essen und Fernsehen. Seh ich aus wie seine persönliche Shoppingqueen? Warum kauft er seinen Kram nicht selbst online? Ach ja, Risikomanagement. Ich konnte es nicht mehr hören. Ich klappte das Handy wieder zu und versuchte mir einzureden, dass alles gut werden würde. Die Wärme und der Atemrhythmus meines Vaters erfüllte den gesamten Raum und nahm mich mit auf die Reise in meine dunkelsten Träume. *** Das schrille Piepen meines Weckers schnitt wie eine Klinge in meinen Kopf. Ohne die Augen zu öffnen, tastete ich nach dem Snooze-Knopf. Stille. Fünf Minuten später dasselbe Spiel. Noch einmal. Und noch einmal. Beim vierten Durchgang flog plötzlich die Zimmertür auf. „Snowwhite – jetzt reicht’s!“, knurrte Totenschwarz, stapfte herein und riss mir mit einem einzigen Ruck die Decke weg. Ein eiskalter, nasser Waschlappen klatschte auf mein Gesicht. Ich japste nach Luft und riss die Augen auf. „Aufstehen, wir haben keine Zeit für Prinzessinnenschlaf.“ Er stand neben meinem Bett wie ein schlecht gelaunter General. In der Hand hielt er meinen Kaffeebecher – dampfend – und daneben die schwarze Schachtel Black Devil, die er vor zwei Wochen in Neapel gekauft hatte. „Hier. Koffein und Nikotin. Dein Starterpaket.“ Ich setzte mich widerwillig auf, strich mir die Haare aus dem Gesicht und dachte an Marc. An den Tanzkurs am Freitag. An die Klassenarbeit in Mathe. An die Tabellen, die heute fertig werden mussten. Wie sollte ich das alles unter einen Hut kriegen? Ich zog den Kaffee an mich, nahm einen tiefen Schluck und steckte mir eine Zigarette an. Mit nackten Füßen trottete ich ins Nebenzimmer. Dort war Totenschwarz längst in seinem Ele-ment. Die drei Monitore leuchteten, Kabelschlangen krochen über den Boden, der Drucker war warm, daneben lagen saubere Latexhandschuhe in einer ordentlichen Reihe. Mein Vater saß auf seinem Drehstuhl, den Blick fest auf eine Excel-Tabelle gerichtet. Seine Finger flogen über die Tastatur, während er Zahlenkolonnen ordnete, als würde davon das Überleben der Welt abhängen. „Wenn du gleich einkaufen gehst, vergiss den Wein nicht“, sagte er, ohne den Blick zu heben. „Spaghetti. Und diesmal kochst du sie. Du musst das lernen.“ Ich wollte protestieren, aber er war schon aufgestanden und ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen. „Und die nächsten drei Tabellen machst du fertig, bevor wir essen. Kein Aufschieben, Snowwhite.“ Dad drückte mir beim Vorbeigehen den Zimmerschlüssel und eine kurze Einkaufsliste in die Hand. „Spaghetti, Wein – und den guten Parmesan, nicht den billigen Scheiß. Mach dich hübsch, du weißt ja, wie’s läuft.“ Er legte noch einen glatten Hunderter obendrauf, sah mich kurz an und sagte mit einem wei-chen Unterton: „Mit diesen smaragdgrünen Augen bekommst du sowieso alles.“ Seine Hand strich flüchtig über mein Haar, dann küsste er mich auf die Stirn. Sein Tonfall ließ keinen Spielraum für Diskussionen. Ich nippte an meinem Kaffee, und er verschwand mit sei-ner blauen Jeansjacke und einem breiten Grinsen zur Tür hinaus. Ich setzte meinen Kaffee ab und begann mich für den „Einkaufstrip“ zu rüsten. Snowwhite-Modus. Showtime. Kein Mensch durfte auf die Idee kommen, dass ich fünfzehn war. Aus dem Schrank zog ich den schwarzen Hosenanzug, den mir meine Tante für die anstehenden Vorstellungsgesprä-che nach meinem Schulabschluss geschenkt hatte. Das erste davon war schon bald – ausge-rechnet an Vaters Geburtstag in der Goldstadt. Die Hose saß perfekt, das Jackett formte klare Linien. Ich griff nach der schlichten Halskette, steckte kleine Ohrstecker in die Ohren und legte mir die zeitlose, goldschwarz glänzende Uhr ans Handgelenk. Ein Fake-Autoschlüssel klimperte am Schlüsselbund – ein Trick, der schon oft geholfen hatte. Niemand fragt nach einem Ausweis, wenn er denkt, dass du gerade mit deinem Wagen vorgefahren bist. Dann das Make-up und die Haare: Ich glättete mein Haar, fixierte es mit etwas Haarlack und trug Foundation auf, darüber Puder, ein Hauch Rouge für die Wangen, dezenten Lippenstift und kräftige Wimperntusche – so, als wäre ich auf dem Weg zu einem wichtigen Termin. Die Kontaktlinsen funkelten und ließen meine Augen größer wirken. Ein Spritzer Herrenparfüm – erwachsen, nicht süßlich – rundete das Ganze ab. Es sollte wirken, als wäre ich vergeben und würde noch nach der Umarmung mit meinem Freund riechen. Ich schlüpfte in schwarze Pumps, griff meine Handtasche, in der sich der ergaunerte Hunder-ter und mein Geldbeutel befanden, und steckte die von Dad zugewiesene Karte ein. Auf ihr waren die „grünen Zonen“ markiert, in denen ich mich frei bewegen durfte. Kein Schritt in die roten Bereiche. Draußen atmete ich die kühle Luft ein, während ich zu Fuß losging. Die Straßen waren ruhig, nur wenige Passanten. Ich kannte den Weg und prüfte immer wieder unauffällig meine Umge-bung – Gewohnheit. Als der Supermarkt in Sichtweite kam, verlangsamte ich kurz den Schritt. Tiefer Atemzug. Schultern zurück, Kinn leicht angehoben. Jetzt war ich nicht mehr Snowwhite, das Mädchen aus der Abschlussklasse. Jetzt war ich die junge Frau, die genau wusste, was sie wollte. Die automatische Tür glitt auf. Ich griff zielsicher zu: Parmesan – der gute, nicht der billige –, Spaghetti, frische Tomaten, zwei Flaschen Wein. Für die Tarnung legte ich noch WC-Reiniger und Spülmittel in den Wagen. Erwachsene kaufen nie nur „Genussmittel“, sie packen immer auch langweiligen Haushaltskram dazu. An der Kasse legte ich meine Einkäufe aufs Band, unauffällig, selbstsicher, ein kleines Lä-cheln auf den Lippen. Die Kassiererin musterte mich aufmerksam, tippte die Preise ein und fragte schließlich: „Darf ich mal kurz Ihren Ausweis sehen?“ „Natürlich, kein Problem“, sagte ich freundlich und zog das Portemonnaie schon während des Satzes auf. Völlig gelassen reichte ich ihr den gekauften Ausweis. „Entschuldigen Sie, Frau Cosic“, meinte sie. „Bei jungen Leuten weiß man nie so genau. Für neunzehn hätte ich Sie wirklich nicht gehalten.“ „Manche Menschen altern schneller, andere langsamer“, erwiderte ich lächelnd. „Ich ernähre mich gesund, treibe viel Sport und… rauche nicht.“ Sie lachte leise, gab mir den Ausweis zurück. „Bar oder Karte?“ „Bar.“ Der Hunderter wechselte den Besitzer, das Wechselgeld wanderte in meine Geldbörse. Kein Zögern, keine weiteren Fragen. Mission erledigt. Mit leicht erhobenem Kinn trat ich aus dem Supermarkt. Routine – und doch pochte das Adre-nalin leise unter meiner Haut. Kaum war der Laden nicht mehr in Sichtweite, zog ich eine Black Devil aus der Schachtel, zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. Rauch in den Lun-gen, Ruhe im Kopf. Der Weg zurück ins Appartement war kurz, die Straßen vertraut. Kein Blick nach links oder rechts, nur das gleichmäßige Klacken meiner Pumps auf dem Asphalt. Oben angekommen legte ich die Einkäufe ab, zog die Latexhandschuhe über und setzte mich an den Arbeitstisch. Die nächsten drei Tabellen füllten sich wie von selbst, Zahlen rein, For-meln prüfen, drucken. Nebenbei nahm ich die Stricknadel und die Schablone, fuhr die aufge-druckten Poststempel nach – gleichmäßige Bewegungen, präzise Linien. Jeder Bogen wan-derte ordentlich in den Stapel. Als der Drucker surrend weiterarbeitete, ging ich in die Küche. Wasser aufsetzen, Spaghetti hinein. Hackfleisch anbraten, Knoblauch und Tomaten dazu. Der Wein stand auf der Ablage und atmete. „Wann hat das alles endlich ein Ende?“, murmelte ich, während ich den Parmesan über dem Topf rieb. „Wann kommt das normale Leben, das Dad mir immer versprochen hat?“ Meine Stimme brach leicht, ein kurzer Schluchzer, den nur die köchelnde Sauce übertönte. Ich wischte mir rasch mit dem Handrücken über die Augen, stellte den Käsehobel beiseite und drehte die Herdplatte auf klein. Der Duft von Bolognese und frischem Parmesan füllte das kleine Appartement. Gerade wollte ich den Tisch decken, als Schritte im Flur zu hören waren – fest, gleichmäßig, begleitet von einer zweiten, tiefer klingenden Stimme. Mein Herz machte einen Sprung. Re-flexartig schob ich den Stuhl zurück, glitt ins kleine Bad und lehnte die Tür nur sanft an. Die Stimmen wurden lauter. Es war nicht schwer, sie zu erkennen: Totenschwarz – und Schwarzgold, den Dad liebevoll „Don Juan“ nannte. Sein Alias. Jeder hatte einen Alias. Meiner war Claudia C. *** Die Wohnungstür fiel ins Schloss, gefolgt von schweren Schritten im Flur. Totenschwarz und Schwarzgold lachten laut über irgendeinen Witz, den ich nicht ganz verstand. „Don, das mit Michelle ist bei dir ja nur Leistungssport. Du darfst das mit deiner Frau nicht so ernst nehmen.“ Das tiefe, kehlig rollende Lachen zweier Männer, die zu viele Geheimnisse miteinander teilen. Michelle war nicht Dons Frau – ich war mir fast sicher, dass sie anders hieß. Irgendwas mit G oder H. Aber der Name wollte mir nicht einfallen. Wir hatten so viele Identitäten, dass man leicht den Überblick verlor. „Riechst du das, Don?“, rief Dad, während er in die Küche trat. „Meine Tochter lernt endlich kochen.“ Schwarzgold grinste, zog die Lederjacke aus und setzte sich ohne zu fragen an den Tisch. Sein Blick glitt zu mir, prüfend, als wollte er herausfinden, ob ich mich verändert hatte. „Nicht schlecht, Snowwhite“, sagte er schließlich. „Fast wie bei meiner Frau zu Hause… nur ohne Thunfisch.“ Ich stellte den Topf in die Mitte, goss den Wein ein und setzte mich ihnen gegenüber. Das Gespräch begann harmlos – „Wir brauchen einen neuen Wagen. Ich hab schon einen BMW rausgesucht, Dieselautomatik, weiße Ledersitze, großer Kofferraum.“ Dad zeigte Don ein Foto auf seinem Handy. „Snowwhite? Hol mir mal ein paar neue SIM-Karten aus den Pil-lenboxen. Wir müssen mal wieder Nummer austauschen – du weißt ja, der Feind hört mit.“ Ich stand vom Tisch auf, ging ins Wohnzimmer, holte die Liste mit Telefonnummern und SIM-Karten aus dem Regal und ging zurück an den Tisch, an dem sich die beiden über Frauen, Geschäfte und die weitere Planung unterhielten. Zwischen diesem belanglosen Gerede fielen immer wieder Sätze, die hängen blieben: „Das müssen wir bald regeln.“ „Der Winterburger wartet nicht ewig.“ „Und dieser Marc…“ – kurzer Blick zwischen ihnen – „… das klären wir.“ Wir aßen weiter, während Don plötzlich vibrierend sein Handy aus der Lederjacke zog. Ein Blick aufs Display – ein schmales Lächeln, das sofort verriet, wer dran war. „Perdona, chicos“, murmelte er und ging ran. „Hola, mi dulce…“ Seine Stimme war jetzt weich, beinahe schmeichelnd. Er wechselte mühe-los ins Spanische, und obwohl ich die Sprache nicht verstand, reichte die Mimik mir völlig aus. Er lehnte sich zurück, drehte das Glas in der Hand, während er zuhörte – und dann senkte sich seine Stimme noch tiefer. Die Worte, die folgten, waren eindeutig. Viel zu eindeutig. Kein Zweifel: Michelle. Ich verstand nur Bruchstücke – „tus pechos tan bonitos …“, „tu piel suave …“ – aber der Ton-fall sprach Bände. Sein Blick ging ins Leere, ein schiefes Grinsen spielte um seine Lippen, und seine Finger trommelten wie im Takt einer stillen Musik auf den Tisch. Totenschwarz kaute seelenruhig weiter, als würde er solche Gespräche jeden Tag beim Mittagessen hören. Ich hingegen verdrehte innerlich die Augen. Natürlich. Michelle. Oder wie auch immer sie wirk-lich hieß. Don beendete den Anruf mit einem tiefen, kehlig geflüsterten „Hasta pronto, cariño“. Dann steckte er das Handy ein, griff zur Gabel und tat, als wäre nichts gewesen. Don legte die Gabel beiseite, wischte sich mit der Serviette den Mund ab. „Also“, begann er und sah Totenschwarz direkt an, „wir sollten alles zusammenpacken. Keine Zeit verlieren.“ Dad nickte knapp. „Snowwhite, räum den Tisch ab und dann ins Zimmer – wir verladen gleich.“ Es klang wie eine beiläufige Anweisung, aber der Blick, den er Don dabei zuwarf, hatte etwas Endgültiges. Ich spülte Teller und Gläser, während im Nebenzimmer bereits Taschenreißver-schlüsse schnappten und Papiere in Mappen glitten. Als ich zurückkam, standen die Koffer schon neben der Tür. Wir verstauten die Sachen im Wagen, während Don sich mit einem kurzen „Bis später“ verab-schiedete und in der nächsten Querstraße verschwand. Dad zog die Tür vom Appartement zu, steckte den Schlüssel ein und sah sich einmal im Flur um, bevor er die Treppe hinunterging. Kein Wort. Später, an den Gleisen des Bahnhofs, tauchte Don wieder auf – lässig wie immer, als wäre nichts gewesen. Wir stiegen zu dritt in den Wagen, und kurz darauf ließen wir Eisrosenthal hinter uns zurück. Ich verzog mich auf die Rückbank, Kopfhörer tief in den Ohren, Musik so laut, dass sie den Rest der Welt überdeckte. Irgendwann fielen mir die Augen zu – doch der Schlaf war flach, brüchig. Bruchstücke der Stimmen drangen trotzdem zu mir durch. „… wir müssen einen Zeitpunkt finden, es ihr zu sagen.“ „Sie wird toben.“ „Besser jetzt als später. Marc ist vom Tisch.“ „Glaubst du, sie ist schon verliebt?“ „Möglich. Und das ist genau das Problem.“ Ich hielt still, tat so, als würde ich schlafen. Auf der Rückbank sackte ich mit den Kopfhörern immer wieder weg, aber manche Fetzen ihres Gesprächs drangen trotzdem zu mir durch. „… der Junge ist herzkrank, Don. Nimmt Tabletten. Weißrosa hat’s mir gesagt.“ „Ach ja?“ Schwarzgolds Stimme klang nachdenklich, fast kühl. „Gut zu wissen.“ Dann wieder Schweigen, nur das Brummen des Motors. Ich ließ die Augen geschlossen, als wäre ich ganz weg. „Meinst du, sie hält dicht?“, fragte Don nach einer Weile. „Sie hat bisher nichts gesagt“, antwortete Dad. „Aber wir gehen ein verdammt großes Risiko ein.“ „Wir wollen nicht zurück in den Knast, Totenschwarz.“ „Genau deshalb muss sie mitziehen. Ohne Ausreißer.“ Dad lehnte sich im Sitz zurück, die Stimme jetzt tief und fest, ohne einen Hauch Zweifel: „Sie tut eh exakt das, was ich ihr sage.“ … Kurze Pause. Dann Don, leiser: „Totenschwarz… kannst du was für mich aus dem Haus schaffen?“ „Natürlich.“ Ein kurzes, trockenes Lachen. „Das beste Versteck ist ein Grab.“ … Ihre Stimmen wurden wieder leiser, vermischten sich mit dem Brummen des Motors. Ich zog die Knie an, drückte die Kopfhörer fester in die Ohren und ließ mich zurück in den Halbschlaf sinken – als würde das Gespräch dann einfach nicht existieren.
29.08.2025
14:47 Uhr
Hallo Snowwhite, Willkommen im Forum :rose: Ich lese ja unheimlich gerne und habe sehr viele Bücher zu Hause. Ich möchte gerne dein Roman weiterlesen und würde mich freuen, wenn bald weitere Kapitel folgen. Wünsche dir ein schönes Wochenende. LG Pati
29.08.2025
14:39 Uhr
Hallo Showwhite, du könntest auch drei Wölfe draus machen? Einen dritten für Liebe und Vergebung. Finde deinen Ansatz mit dem Roman spannend.
29.08.2025
11:28 Uhr
bearbeitet:
29.08.2025
11:29 Uhr
Hallo Snow, ich muss gestehen, ich bin heute morgen in Deinen „Roman“ hineingefallen. Ganz schön sprachgewaltig und tiefgründig. Sensationell. Das Rauchen in Deinen Zeilen ist noch eher nebensächlich, versteckt, bin gespannt, wie es damit in der gesamten übrigen Einbettung weitergeht:oops: Auch von mir ein herzliches Hallo! Liebe Grüße Lucia
28.08.2025
20:16 Uhr
Hi Snow Herzlich willkommen im Forum. Super Idee hier einen Roman zu schreiben. Ich finde das großartig. Ich drücke dir erstmal die Daumen fur deine Rauchfrei Pläne. Ganz liebe Grüße Klaus
28.08.2025
20:15 Uhr
Ja eigentlich ganz einfach. Dennoch sind Wölfe Wildtiere, die wir auf gar keinen Fall füttern sollten und zweitens gibts einfach zwischen schwarz und weiß noch ganz viele Graustufen. Deshalb ist es nur "eigentilch ganz einfach", aber bei genauerer Betrachtung können wir die Graustufen sehen und stellen fest, es keine Dualität. Licht erzeugt Schatten. Es wird kein Wolf gewinnen, denn füttern dürfen wir sie nicht und Licht braucht Dunkelheit um als Licht wahrgenommen zu werden und andersherum. Ich glaube man muss die Balance zwischen beiden Wölfen als Ziel bzw. Sieg anvisieren.
28.08.2025
19:42 Uhr
Den Wolf, den wir füttern! "Eigentlich " ganz einfach....
28.08.2025
19:40 Uhr
Kapitel 2. Día de los Muertos – Allerheiligen Ein klarer blauer Himmel. Zarte Wölkchen ziehen sanft gen Süden. Beinahe windstill, als befände ich mich im Auge eines Orkans. Eine sanfte Brise winziger Schneeflöckchen tanzt über meine Wangen. Die Mittagssonne taut die feine Schneedecke auf dem Asphalt vorsichtig an. Einzelne Sonnenstrahlen durchbrechen die Eiskristalle und es wirkt wie ein funkelndes Meer aus unzähligen Brillanten. Das bunte Licht tanzt durch alle achtundfünfzig Facetten jeder einzelnen Flocke, die wie flüchtige Schatten harmonisch durch den Äther gleiten. Die Kälte des Morgens klebt noch am Metall, als ich die Fahrertür öffne. Der Schlüssel gleitet ins Zündschloss, und der Motor erwacht mit einem leisen Brummen zum Leben. Ein Hauch warmer Luft strömt aus dem Gebläse, als ich es hochstelle, um die vereiste Windschutzscheibe freizukratzen. Die dünne Eisschicht glitzert matt im Licht der Mittagssonne. Zurück im Wagen schließe ich die Tür mit einem dumpfen Klicken. Das Radio springt an, und ich lasse meine Finger durch die Frequenzen tanzen, bevor ich auf einer Stimme verweile, die mich einfängt. Die Worte eines ikonischen Sängers breiten sich im Inneren des Wagens aus: Do you believe it, -lieve it When I say it's you I needed, oh It's like I'm dreaming, dreaming 'Cause you helped me… Don't wanna be alone tonight Don't think too much, just turn off the lights Back and forth like all of the time Know it's a lot but just don't think twice Where to go? I don't even know Only big white lies to get by 'cause I don't wanna make you cry, stay here by my side Only big white lies to get by 'cause… [i]White Lies – VIZE x Tokio Hotel[/i] Ein leises Klicken der Gangschaltung, ein tiefer Atemzug, und der Wagen setzt sich zögerlich in Bewegung. Die Reifen greifen zunächst unsicher auf dem glatten, schneebedeckten Asphalt, rutschen ein wenig, bevor sie langsam mehr Halt finden. Ein Zittern durchläuft das Lenkrad, doch ich halte es ruhig. Der Wagen kämpft sich voran. Die Straße vor mir ist beinahe leer, doch ich entscheide mich bewusst gegen die Hauptstraße und nehme den alten Schleichweg durch den dichten Wald der Nordmanntannen. Die Kurven des Weges sind vertraut, jede Abzweigung wie ein Fingerabdruck der Vergangenheit. Hohe, schlanke Bäume säumen die Straße, ihre kahlen Äste greifen wie Schattenfinger in den blauen Himmel. Im Rückspiegel sehe ich die verblassenden Spuren meiner Fahrt und den Schnee, der sie langsam wieder zudeckt, als wollte die Welt sie vergessen. Gedankenverloren flüstere ich: „In fast drei Stunden bin ich bei dir.“ Als ich am Ortsausgangsschild von Schweighausen vorbeifahre, fällt mein Blick auf die geschlossenen Türen der Geschäfte. Nur hier und da eine leuchtende Auslage von Blumenläden, in denen bunte Kränze auf Ständern um Aufmerksamkeit buhlen, oder die warm erleuchteten Schaufenster von Bäckereien, aus denen der Duft von frischem Gebäck auf die Straßen dringt. [i]Still, denke ich. Ein stiller Feiertag.[/i] Die Gedanken wandern weiter, und unwillkürlich erinnere ich mich an die Regeln, die diesen Tag prägen. Keine Tanzveranstaltungen. Keine laute Musik. Ein Tag der Ruhe, der Andacht. Doch ein Teil von mir schnaubt leise über diese Traditionen. „Wen kümmert das schon?“ flüstere ich und drehe das Radio lauter. I love it when you call me señorita I wish I could pretend I didn't need ya But every touch is ooh-la-la-la It's true, la-la-la Ooh, I should be runnin' Ooh, you keep me coming for ya [i]Shawn Mendes, Camila Cabello - Señorita[/i] Die vertraute Melodie des Songs flutet den Wagen, und ich drehe das Radio lauter. Meine Fußspitze findet unwillkürlich den Rhythmus und drückt das Gaspedal im Takt der Musik. Sapphire moonlight We danced for hours in the sand Tequila Sunrise Her body fit right in my hands, la-la-la It felt like ooh-la-la-la, yeah Ooh, you know I love it when you call me señorita I wish it wasn't so damn hard to leave ya But every touch is ooh-la-la-la It's true, la-la-la… Die Zeilen fluten das Cockpit, und ich sinke tiefer in den Sitz. Der Rhythmus umringt mich wie ein unsichtbarer Tanz, in den ich mich fallen lasse. Der Schnee auf der Landstraße verschmilzt mit den wogenden Klängen, während die Reifen sicherer greifen und den Wagen mühelos durch die Kurven tragen. Für einen Moment schließe ich die Augen, ein Wimpernschlag lang, lasse mich von der Melodie tragen. Jede Note, jeder Schlag ist eine kurze Flucht aus der Zeit, eine kleine Rebellion gegen die Stille dieses Tages. Als ich die nächste Ortschaft erreiche, verändert sich die Umgebung. Sie wirkt wie erwartet – vertraut ausgestorben. Der Wagen gleitet sanft nach links, im Kreisverkehr nimmt er die dritte Ausfahrt. Danach beschleunigt er auf der Landstraße, die sich nordöstlich durch weite Felder und kahle Baumreihen zieht, bis zu einer kleinen Lichtung am Waldrand. Von hier aus winden sich schmale Serpentinen durch den dichten Schutzschild der Tannen den steilen Berg hinauf. Zweimal biegt der Wagen scharf nach rechts, ehe ich ihn sanft abbremse. Wie in einem Tagtraum stelle ich ihn ab, lasse den Motor verstummen. Einen Augenblick lang sitze ich still, betrachte die Szenerie um mich herum. Nur um sicherzugehen, dass hier niemand vorbeikommt, niemand ihn bemerkt, wenn ich ihn hier für ein paar Stunden zurücklasse. Ich greife nach meiner Sonnenbrille und der weißen Wollmütze, öffne die Tür und trete hinaus in die klare, kühle Luft. Zielstrebig lenken meine Schritte mich zum Gehweg am Ende der Ringstraße Acht. Über die Gehwege und die verwinkelten Gassen schleiche ich mich sicher zu dir durch. Mein Blick bleibt nach vorn gerichtet, während die umliegenden Häuser nur schemenhaft in meinem peripheren Sichtfeld auftauchen. Ich husche an unserer alten Schule vorbei und schmunzle leise, als ich die Glaskontainer in der Goethestraße passiere. Ich verschwinde in der Meergasse, zwischen den engen Wänden des Steinbildhauerbetriebs meiner entfernten Verwandtschaft. Auf ungefähr dreizehnhundert sehe ich den goldenen Hirsch in der Ferne. Keine zehn Meter entfernt mündet der Weg in die Mozartgasse. Hier, an der kleinen idyllischen Brücke, hast du deine kaputten Tanzschuhe dem Bach überlassen. An der Kreuzung angekommen, gleiten meine Füße wie auf Wolken über den harten Asphalt in die Fauststraße 19. Verloren in meinen Erinnerungen flüstere ich leise: „Sterben ist kein ewig getrenntwerden! Es gibt ein Wiedersehen an einem helleren Tag.“ Nur noch zwei Ecken weiter, dann bin ich am Seiteneingang des Friedhofs angekommen. Mit jedem Schritt spüre ich die Verbundenheit zu meiner Heimat stärker, die Geborgenheit tiefer. Mein angeknackstes Herz schlägt sanft in meiner Brust und entlockt mir ein Lächeln. Dann erblicke ich das offene Tor und die niedrigen Mauern, überwuchert vom Efeu. Ich trete durch das große Eingangstor, das sich mit einem leisen Quietschen öffnet, und lasse den Blick über das Friedhofsgelände schweifen. Beim Durchqueren schossen mir die Erinnerungen an meinen Großvater durch den Hippocampus. Ein Schlossermeister seiner Zeit würde das vollverzinkte aus Eisen geschmiedete Kunstwerk mit seinen Blicken verzehren, das den Eingang zu diesem heiligen Ort einrahmt wie eine Pavé-Fassung. Der steinerne Boden ist von unzähligen Jahren der Erinnerung gezeichnet, der weiche Kies knistert bei jedem Schritt, als würde er leise die Geschichten derer flüstern, die hier ruhen. Der Friedhof wirkt zugleich geheimnisvoll und friedlich, als ob er ein eigenständiges, zeitloses Universum birgt. Meine Schritte sind langsam, bedacht, fast vorsichtig, als würde ich die Toten in ihrem Frieden nicht stören wollen. Der steinerne Weg führt mich sanft an den Grabstätten vorbei, während ein leichter Duft von bunten Chrysanthemen in der Luft liegt. Die Grabsteine sind teilweise verwittert, die Namen und Daten kaum noch lesbar. Jeder Schritt hallt in der Stille nach, begleitet nur vom leisen Rascheln einiger großen Trauerweiden. Die nach unten hängenden Zweige greifen wie tröstende Hände in den Horizont. Es gibt hier keinen Lärm, nur die ruhige Stille, die die Zeit selbst zu verschlucken scheint. Der Wind streift kühl zwischen den Gräbern hindurch und lässt die gelben Blätter der umstehenden Ahornbäume sanft rascheln, als ob sie die Geheimnisse der Toten ausflüstern könnten. Ich folge dem Weg, der mich an den Kolumbarien vorbeiführt, immer näher zu dem verwitterten Grabkreuz, das ich suche. Es steht einsam, etwas abseits, von Moos, Zweigen und Efeu bedeckt, als sei es fast ein Teil der Erde selbst geworden. Der Weg führt mich weiter, bis ich das verwitterte Kreuz vor mir sehe – ein Relikt aus der Vergangenheit. Ich bleibe stehen, mein sanfter Blick ruht auf der Inschrift Marc Christoph Ćosić Am siebten Tag im siebten Monat des Jahres erstickte er leise und unbemerkt unter dem stark bewölkten Himmelszelt bei Schauerregen. Die Luftfeuchtigkeit in dieser schicksalhaften Nacht betrug etwas über 80 Prozent und der Wind schrie mit circa zweiunddreißig Kilometer pro Stunde durch die Wälder. Am Vorabend schmiedeten wir noch Pläne, am nächsten Tag erstarrte meine Welt in einem ewigen Eis. [i]Setzt dich ein Weilchen zu mir auf die Bank, schließ die Augen und nimm meine Hand.[/i] Ergriffen durch das Flüstern der Weiden, ging ich hinüber und setzte mich auf die Wanderbank unter die Zweige. Öffnete ruhig meine Handtasche, schob meine Over-Ear-Kopfhörer zurecht, klickte auf Play, schloss meine Augen und lauschte in meine Erinnerungen an den Abschlussball vor über fünfzehn Jahren hinein. Wir zieh'n durch die Straßen und die Clubs dieser Stadt Das ist unsre Nacht, wie für uns beide gemacht Oh-oh, oh-oh Ich schließe meine Augen, lösche jedes Tabu … Was das zwischen uns auch ist Bilder, die man nie vergisst Und dein Blick hat mir gezeigt Das ist unsre Zeit Atemlos durch die Nacht Bis ein neuer Tag erwacht Atemlos einfach raus Atemlos durch die Nacht Spür, was Liebe mit uns macht Atemlos, schwindelfrei Großes Kino für uns zwei Komm wir steigen auf das höchste Dach dieser Welt Halten einfach fest, was uns zusammenhält Alles, was ich will, ist da Große Freiheit pur, ganz nah Nein, wir wollen hier nicht weg Alles ist perfekt Wir sind heute ewig, tausend Glücksgefühle Alles, was ich bin, teil ich mit dir Wir sind unzertrennlich, irgendwie unsterblich Komm, nimm meine Hand und geh mit mir … [i] Helene Fischer – Atemlos durch die Nacht[/i] Seine letzten Worte schlugen plötzlich wie herabstürzende Kometen in meine leeren Gedanken ein: „Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied“. * * * Ich greife in meine schwarze Handtasche und ziehe aus dem blauen Innenfutter einen weißen Briefumschlag hervor und taste nach der Karte. Für einen Moment halte ich sie in den Händen, betrachte die elegante, dunkelblau-schwarze Karte mit der silbernen Schrift darauf. [i]„Wenn die Sonne des Lebens untergeht, dann leuchten die Sterne der Erinnerung“[/i] Ich durchsuche meine Handtasche ein weiteres Mal, auf der Suche nach einem Kugelschreiber – aber er ist nicht da. Ein leises Seufzen entweicht meinen Lippen, gefolgt von einem schwachen Lächeln. „Natürlich“, murmele ich. Dann ertaste ich meinen bordeauxroten Lippenstift von L'Oréal Paris und der Werbeslogan … weil ich es mir wert bin … blitzt in meinen Synapsen auf. Mit der einen Hand ziehe ich die Kurven meiner Lippen nach und mit der anderen ertaste ich meine halbvolle Schachtel Zigaretten in meiner Tasche. Ich klappe die Karte auf und stecke mir eine Zigarette an. Der vertraute hellgrau schimmernde Rauch dringt tief in meine Lungen ein und betäubt mich. Das beißende Glühen – Marc würde sagen, meines eigenen Sargnagels – der weißen Davidoff Zigarette riss für eine Attosekunde die Grenze zwischen den Lebenden und den Toten auf. Der vertraute Geruch verschwamm mit den Rauchschwaden und umhüllte mich schützend. In Gedanken riet ich mir selbst: [i]– Vergissmeinicht – teile deine Geschichte nicht mit jedem; manche sammeln nur Munition, um dich zu verletzen.[/i] Meine Finger glitten in meine Gesäßtasche, greifen das Smartphone und ich wühle in meiner Playlist nach den Zeilen, die uns verbinden. Ich klicke auf Play, hörte ein bisschen rein – nein dieses Lied war es nicht. Meine Finger tippen auf den Nächsten. Ich scrolle weiter, ein Track nach dem anderen – keiner traf. Ich lehne mich zurück, ließ das Smartphone auf meinen Knien ruhen. Ich griff nach dem Display, nutzte die Suchfunktion und voilà – da waren sie! Immer wenn ich dich besuch', fühl' ich mich grenzenlos Alles andere ist von hier aus so weit weg Ich mag die Ruhe hier zwischen all den Bäumen Als ob es den Frieden auf Erden wirklich gibt Es ist ein schöner Weg, der unauffällig zu dir führt Ja, ich habe ihn gern, weil er so hell und freundlich wirkt … Wie es mir geht, die Frage stellst du jedes Mal Ich bin okay, will nicht, dass du dir Sorgen machst … Und so red' ich mit dir wie immer So als ob es wie früher wär' So als hätten wir jede Menge Zeit Ich spür' dich ganz nah hier bei mir Kann deine Stimme im Wind hören … Ich soll dich grüßen von den Andern Sie denken alle noch ganz oft an dich [i]Nur zu Besuch – Die Toten Hosen[/i] Schelmenhaft dringen die alten Erinnerungen an einen Brief meiner Schwester Weißrosa an unseren Vater in meine Gedankenwelt ein. Mein Blick wird trüb und ein Schauer rutscht mir über den Rücken als Fragmente ihrer Zeilen vor meinem inneren Auge vorbeihuschen: Du wirst es wahrscheinlich schon gehört haben, aber jetzt hast du es schwarz auf weiß. Snowwhites ehemaliger Klassenkamerad, Marc Ćosić, schwungvoller Tanzpartner und Helfer in allen Lebenslagen, der sich uneingeschränkt ihr erbarmt und geholfen hat, ist letzte Woche vom Donnerstag auf Freitag überraschend von uns und dieser Welt geschieden. Er hat damit den ersten Platz im Sterben von seinen Schulkameraden erreicht und kann daher nicht mehr getoppt werden. Snowwhite ist deswegen schon ganz betrübt, aber eins ist sicher, er hat all seine Geheimnisse, die er von Snowwhite wusste, fleißig und konsequent ins Grab mitgenommen. … Uns geht es soweit ganz gut und deshalb viele Grüße aus dem fernen Osten, den du wahrscheinlich nicht so schnell sehen wirst. Die Zeilen auf dem pastellrosanen Briefpapier ziehen langsam durch meinen Kopf, wie ein dumpfes Murmeln aus einem ungelösten Rätsel der fernen Vergangenheit. Ich halte inne, die Erinnerungen übermannen mich mit einer Wucht, die ich nicht erwartet hatte. Was wusste sie wirklich, und was wollte sie damit sagen? Die Zeilen verschwimmen und lösen sich auf. Mein Blick wird schlagartig wieder klar, weil mich der nächste Song, der sanft mein Gehör streichelt, mich mit einem Ruck zurück in die Wirklichkeit katapultiert. Mit 15 schrieben wir noch Parolen an die Wand Die keiner von uns damals so ganz genau verstand Wir waren mit 20 klar dagegen, egal was es grad war Hauptsache zusammen und mit dem Kopf durch die Wand Das Leben kam oft anders und selten wie gedacht Doch wir haben all die Kompromisse nie mit uns gemacht Wir würden füreinander lügen, notfalls auch vor Gott Wir haben nie drüber geredet, doch wir halten unser Wort Alles, weil wir Freunde sind Weil wir Freunde sind Manche sind gestorben, andere gingen weg … Wir schwören uns immer wieder, dass das Beste vor uns liegt Die Jahre ließen Spuren - man kann sie deutlich sehen Wir würden uns das so nie sagen, weil wir Freunde sind Wir streiten uns, vertragen uns Weil wir noch Freunde sind Wir sind immer da, auch ohne Grund Weil wir noch Freunde sind Und wieder ist ein Jahr vorüber Und wieder ist mein Bierglas leer Und wieder ein paar Falten Und auch 'ne Tätowierung mehr Irgendeine Liebe war's irgendwann mal wert … Wenn wir verlieren, bauen wir uns auf - alles weil wir Freunde sind Der Rest der Welt, wir scheißen drauf - alles weil wir Freunde sind Wir bleiben, wir siegen - weil wir noch Freunde sind Nichts wird uns totkriegen - weil wir Freunde sind [i]Freunde – Die Toten Hosen[/i] * * * Plötzlich spürte ich die Anwesenheit eines weiteren Friedhofsbesuchers in meiner Nähe. Er verweilte kurz an einem mir unbekannten Grab, legte Blumen nieder, verweilte kurz mit gesenktem Kopf. Langsam drehte er sich zu mir um und ging auf mich zu. Mit einem respektvollen Abstand setzte er sich neben mich auf die Wanderbank. Wir schwiegen. Ich nahm die Kopfhörer ab, ließ die Musik im Hintergrund weiterlaufen. Gemeinsam lauschten wir in die Atmosphäre hinein. Ein Windstoß tänzelte mir um die Nase. Der Horizont wurde etwas trüber und es schien als würde sich in der Stratosphäre etwas zusammenbrauen. In meiner Magengrube breitete sich ein dumpfes Brummen aus. Nichts weiter als ein leichtes Hungergefühl. Ein Frösteln glitt mir kitzelnd über die Epidermis als würde ich im Schutz der Dunkelheit in die Tiefen eines weiten Meeres aus schwarzen Rabenfedern eintauchen. Die kühlende Umhüllung des Windes drang tiefer in meine Hautschichten ein. Ein Griff in meine Tasche genügte, um mir die nächste Zigarette anzuzünden. Der betäubende Dunstkreis der Moleküle umschloss mich wie ein zugezogenes Korsett. Stabilisiert richtete ich mich auf. Ein Blick auf das Display meines Smartphones verriet mir, dass der Akku fast leer war. Die Beleuchtung des Displays wurde immer schwächer bis das Gerät schließlich den Geist aufgab und sich abschaltete. Ich wandte mich an meinen Sitznachbarn und fragte, ob ich kurz telefonieren könne. Ohne zu zögern reichte er mir sein Handy. Ich tippte eine vertraute Nummer in den Screen ein und wählte.
28.08.2025
19:19 Uhr
Kapitel 1. Manchmal genügt ein einziger Moment – scharf und unerbittlich wie ein Blitzschlag –, der so brutal über dich hereinbricht, dass er dir die Luft aus der Lunge presst. Doch viel öfter gleitet die Veränderung leise ins Leben – wie eine unsichtbare Rissbildung im Fundament, kaum wahrnehmbar, bis alles einstürzt. Die gemeinsamen Träume zerbrechen nicht in einem Augenblick – es ist ein schleichender Prozess, ein langsames Auseinanderfallen, bis die Bruchstücke nicht mehr zusammenpassen. Die Kirche erhob sich still und erhaben inmitten der winterlichen Kälte – ein Ort, der wie ein Anker in einer erstarrten Welt wirkte. Alles um sie herum war in sanftes Weiß gehüllt, als hätte der Schnee die Zeit selbst zum Schweigen gebracht. Durch die hohen, gotischen Fenster fiel spärliches Licht, das die beißende Kälte der Außenwelt in etwas Weiches verwandelte – ein heiliges, beinahe tröstendes Leuchten, das die Schatten milderte. Der Boden war mit einem dicken Teppich aus Schnee bedeckt, der jedes Geräusch verschluckte. Es war, als hätte die Welt draußen ihren Atem angehalten, um diesen Raum vor der Hektik und Härte der Zeit zu schützen. Der Duft von Kerzenwachs und Weihrauch schwebte in der Luft, vermischt mit dem feinen Knistern der eisigen Kälte, die durch die mächtigen Mauern drang. Der Raum war erfüllt von einer tiefen, friedlichen Ruhe, als ob der Winter selbst in diesen heiligen Hallen innegehalten hatte, um das Wesentliche zu bewahren – Stille, Trost und die Weisheit des Glaubens. Alles schien eingefroren, in einem Moment zwischen den Welten, wo der Atem sichtbar wurde und die Zeit langsamer verstrich. Und genau deshalb sitze ich hier, in der letzten Reihe einer leeren Kirche, mit einem winzigen Fläschchen Feigenlikör in der Tasche. Regungslos starre ich auf die dunklen Holzreihen vor mir, lausche der Stille. Ich lasse mich von der Kälte umarmen, die sich wie eisige Finger in meine Knochen gräbt. Die letzten Strahlen der untergehenden Sonne brachen durch die hohen, gotischen Fenster, warfen langgezogene, goldene Muster auf den Boden, die bald verblassten. Das Licht änderte sich mit jedem Atemzug. Der Glanz der Sonne wich dem kühlen, silbrigen Schimmer des Mondlichts, das durch die gleichen Fenster fiel, jedoch eine ganz andere Welt enthüllte. Ich blicke durch die großen Maßwerkfenster, bestaune die komplexen bunten Muster, die meist biblische Geschichten erzählen und viel Licht ins Innere lassen. Für jeden Vater ist dieeigene Tochter eine ganz besondere Prinzessin. Ich war genauso auf die Welt gekommen, wie mein Vater es sich immer gewünscht hatte. Pünktlich zur Wolfsstunde am siebten Tag im dritten Monat des Jahres in einer dunklen bitterkalten Winternacht bei Vollmond. Er nannte mich liebevoll Snowwhite. Rosenrote Lippen, smaragdgrüne Augen, ein Lächeln, das heller strahlte als jeder Stern, glattes Haar so schwarz, dicht und widerstandsfähig wie Ebenholz, eine Haut so rein und weiß wie der frisch gefallene Schnee, eine messerscharfe Zunge, ein diamantenes Herz und ein Geist, so unerschütterlich wie Titan. Ich greife langsam in meine Tasche, spüre das kalte Glas des Smartphones in meinen Händen, schiebe die Kopfhörer über meine Ohren und drücke auf Play. Die ersten Zeilen dringen in meine Gedanken und füllen den Raum in meinem Kopf: Väter nehmen dich in den Arm, Väter geben Geborgenheit, Väter weinen heimlich, Männer brauchen viel Zärtlichkeit, Oh, Männer sind so verletzlich, Männer sind auf dieser Welt einfach unersetzlich, Männer haben Muskeln, Männer sind furchtbar stark, Männer können alles, Männer kriegen 'nen Herzinfarkt. Oh, Männer sind einsame Streiter Müssen durch jede Wand …. Männer führen Kriege, … [i]Männer von H. Grönemeyer[/i] Der Likör brennt mir die Kehle hinunter und hinterlässt einen Hauch von Wärme und Trost. Meine Finger tippen auf die nächste Spur. Es ist eines von vielen Lieblingsliedern meines Vaters. Die Melodie erhellt sanft meinen Geist, wie ein kleines flackerndes Teelicht, das nach Fichtennadeln duftet: Schöne Grüße von hier unten… Zu den Himmelhunden rauf Wir halten hier die Stellung Sind längst nicht abgetaucht Die Welt steht grad auf ihrem Kopf Der Wind hat sich gedreht Ein grauer Schatten liegt auf unserm Weg… Unter den Wolken Geben wir die Freiheit noch nicht her, weil sie uns heute Alles bedeutet… Machen wir uns selbst ein Lichtermeer Aus all den Träumen Aus unsern Träumen… Die Worte schweben wie Nebelschwaden durch die Kirche. Ich schließe die Augen und lasse sie in mir widerhallen. Für einen Bruchteil einer Sekunde kommt es mir vor, als könne er meine Gedanken hören: Da sind zwei Wölfe, die ständig miteinander kämpfen. Der eine Wolf ist die Dunkelheit und die Verzweiflung. Der andere ist das Licht und die Hoffnung. Welcher Wolf gewinnt?
Hilfe

Webanalyse / Datenerfassung

Wir möchten diese Website fortlaufend verbessern. Dazu wird um Ihre Einwilligung in die statistische Erfassung von Nutzungsinformationen gebeten. Die Einwilligung kann jederzeit widerrufen werden.

Welcher Dienst wird eingesetzt?

Matomo

Zu welchem Zweck wird der Dienst eingesetzt?

Erfassung von Kennzahlen zur Webanalyse, um das Angebot zu verbessern.

Welche Daten werden erfasst?

  • IP-Adresse (wird umgehend anonymisiert)

  • Gerätetyp, Gerätemarke, Gerätemodell

  • Betriebssystem-Version

  • Browser/Browser-Engines und Browser-Plugins

  • aufgerufene URLs

  • die Website, von der auf die aufgerufene Seite gelangt wurde (Referrer-Site)

  • Verweildauer

  • heruntergeladene PDFs

  • eingegebene Suchbegriffe.

Die IP-Adresse wird nicht vollständig gespeichert, die letzten beiden Oktette werden zum frühestmöglichen Zeitpunkt weggelassen/verfremdet (Beispiel: 181.153.xxx.xxx).

Es werden keine Cookies auf dem Endgerät gespeichert. Wird eine Einwilligung für die Datenerfassung nicht erteilt, erfolgt ein Opt-Out-Cookie auf dem Endgerät, welcher dafür sorgt, dass keine Daten erfasst werden.

Wie lange werden die Daten gespeichert?

Die anonymisierte IP-Adresse wird für 90 Tage gespeichert und danach gelöscht.

Auf welcher Rechtsgrundlage werden die Daten erfasst?

Die Rechtsgrundlage für die Erfassung der Daten ist die Einwilligung der Nutzenden nach Art. 6 Abs. 1 lit. a der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO). Die Einwilligung kann auf der Datenschutzseite jederzeit widerrufen werden. Die Rechtmäßigkeit der bis zum Widerruf erfolgten Datenverarbeitung bleibt davon unberührt.

Wo werden die Daten verarbeitet?

Matomo wird lokal auf den Servern des technischen Dienstleisters in Deutschland betrieben (Auftragsverarbeiter).

Weitere Informationen:

Weitere Informationen zur Verarbeitung personenbezogener Daten finden sich in den Datenschutzhinweisen.