Kapitel 3. Über Fünfzehn Jahre zuvor – Männergespräche
Genervt hocke ich an der Bushaltestelle vor meiner Schule, die Ellenbogen auf die Knie ge-stützt. Seit Totenschwarz wieder zurück ist, meint er, mich jeden Freitag in seinem neuen „Schrottwagen“ – einem mattrot lackierten Audi – abholen zu müssen. Ernsthaft, wer hat das bitte bestellt? Es war so viel entspannter, als er noch in seiner kleinen Wohnung im Roten Tal lebte, mehrere Tagesreisen entfernt.
Regelmäßig besuchte ich ihn dort. Und jedes einzelne Mal hieß es: ‚Snowwhite, erzähl, was du gemacht hast.‘ Haarklein, ohne Lücken, versteht sich. Immer wollte er wissen, wie weit ich mit seinen ach so weltbewegenden Projekten war. Es reichte nie. Es war nie genug. Ich kam mir vor wie seine persönliche Gratis-Sekretärin. Vielleicht findet er ja irgendwann eine neue Frau, die ihm den ganzen Mist abnimmt. Aber ehrlich? Mit seinem schiefen Grinsen und der Out-of-Bed-Frisur? Viel Glück, Totenschwarz. Ich liebte ihn, natürlich. Aber manchmal wollte ich einfach nur ein bisschen Freizeit. So wie er – mit hochgelegten Füßen vor der Glotze, schnarchend.
Neulich bin ich mal wieder in der Schule eingepennt, während Marc den Lehrer ablenkte. Mei-ne Freunde wussten genau, warum. Bis tief in die Nacht saß ich im Keller vor den Monitoren und arbeitete. Immer für ihn. Ehrlich, ich hätte Besseres mit meiner Zeit anfangen können als diesen nervigen Papierkram. Aber ich wusste: Eine Hand wäscht die andere. Und wenn du Totenschwarz eine Hand reichen musst, kannst gleich beide hinhalten.
Also wartete ich geduldig und pflichtbewusst an der blauen, metallenen Haltestelle, während meine Augen nur noch auf Halbmast arbeiteten. Der Hof war inzwischen menschenleer. Alle anderen waren längst abgeholt worden. Die Busse mit meinen Klassenkameraden waren schon vor mindestens zwanzig Minuten abgefahren.
Ich hörte seinen Wagen schon aus der Ferne. Dem Motorengeräusch nach musste das der Fahrstil meines Vaters sein. Sein mattrot lackierter Audi bog um die Kurve, und kurz vor der Bushaltestelle bremste er abrupt ab. Er ließ die Scheibe herunter und klopfte wie gewohnt auf das Armaturenbrett.
[i]„Snowwhite, mein Engel, komm steig ein, wir haben nicht den ganzen Tag Zeit.“[/i]
Erschöpft öffnete ich die Beifahrertür und ließ mich auf den Sitz fallen. „Dad ich wäre ehrlich gesagt lieber bei Marc auf dem Roller mitgefahren“.
[i]„Geht das schon wieder los? Snowwhite hör mal…,“
fing er an während er den Rückspiegel zurechtrückte.[/i]
Meine Schultasche werfe ich auf die Rückbank, die Tür schlage ich mit einem dumpfen Knall zu. Schon wieder dudeln die alten Schinken, die er immer hörte, aus den Boxen. Der Bass lässt das Fahrzeug leicht vibrieren. Ohne ein weiteres Wort schaltet er auf Allradantrieb, trat sanft aufs Gaspedal und griff nach dem Schaltknüppel, während er das Lenkrad mit einer flie-ßenden Bewegung herumriss.
Ich schnitt ihm das Wort ab:
„Dad, kannst du mich bitte nach Hause bringen?
Mir tun immer noch die Wangen weh – von dieser brutalen OP.“
Er raunte: „Hier, deine Kippen aus der Bergschlucht und ein Gruß von Schwarzgold.
Hast du die Schmerzmittel vom Arzt wieder vergessen zu nehmen?“
Ich griff nach einem Glimmstängel und zündete ihn an. Wenigstens bekämpfte das Zeug die Müdigkeit. Zwei, drei tiefe Züge, während wir der Musik lauschten. Der Rauch füllte die Luft, und die Worte des Songs schlichen sich in meinen Kopf:
Wer kann schon sagen, was mit uns geschieht?
Vielleicht stimmt es ja doch
Dass das Leben eine Prüfung ist
In der wir uns bewähren sollen
Nur wer sie mit Eins besteht
Darf in den Himmel kommen
Für den ganzen dreckigen Rest
Bleibt die Hölle der Wiedergeburt
Als Tourist auf Ibiza
Als Verkehrspolizist
Als ein Clown in einer Zirkusshow
Den keiner sehen will
Um diesem Schicksal zu entfliehen
Sollen wir uns redlich bemühen
Jeden Tag mit 'nem Gebet beginnen
An Stelle von Aspirin
Nur wer immer gleich zum Beichtstuhl rennt
Als wär es ein Wettlauf
Und dort alle seine Sünden nennt
Der handelt einen Freispruch aus.
[i]Paradies – Die Toten Hosen[/i]
Der Fahrtwind, der durch das geöffnete Fenster hereinzog, tat sein Übriges. Die bleierne Müdigkeit wich langsam, Zug um Zug.
Snowwhite wollte nur nach Hause. Ihre Backen schmerzten immer noch von der OP der Weisheitszähne, und das Ziehen in den Wangen fühlte sich an, als hätte jemand eine Axt durch ihren Kiefer geschlagen. Sie erinnerte sich, dass Schwester Weißrosa bei derselben OP ein Jahr zuvor viel schonender behandelt worden war. „Typisch“, dachte sie, „Ich muss natür-lich die Brutalo-Version über mich ergehen lassen.“
Doch Totenschwarz hatte wie immer andere Pläne.
Jede Minute ihrer Zeit war durchgetaktet,
als wäre sie Teil einer perfekt getimten Militäroperation.
„Warum kann ich nicht einfach nach Hause und mich hinlegen?“,
fragte sie genervt.
„Wie oft muss ich dir das noch erklären?
Erst kommt die Arbeit, dann das Vergnügen!
Du kannst doch einfach im Auto schlafen – so wie immer!“ brummte er zurück, während er das Lenkrad mit festem Griff hielt.
Ohne den Blick von der Straße zu nehmen, bog er Richtung Ortsausgang ab. Ich sank in mei-nem Sitz zurück, während er auf der Landstraße beschleunigte, dann trat er das Gaspedal voll durch. Der Wagen wog mich – wie in alten Kindheitstagen – sanft Kurve für Kurve hin und her. Ich schnippte die Zigarette aus dem Fenster und zog eine weitere aus der Schachtel. Das Nikotin durchströmte meine Adern, und mit jedem Zug spürte ich, wie mein Körper sich lang-sam entspannte.
Auf der Autobahn drehte er die Musik leiser.
„Und lass das mit den Kippen aus dem Fenster – wie oft denn noch?
Hast du dein Handy ausgeschaltet?“
„Ja, ja, ja, Totenschwarz. Alles wie immer“,
murmelte ich genervt.
„Entspann dich lieber und achte auf die scheiß Blitzer.
Und wehe, du knallst mir meinen Kopf gegen das Armaturenbrett,
falls dich das Rotlicht mal wieder nicht interessiert.“
Da er seine rechte Hand jetzt nicht mehr zum Schalten brauchte, weil er längst im höchsten Gang war, legte er sie sanft auf mein linkes Knie. „Schlaf jetzt. Bis wir ankommen, ist es längst tief dunkel.“
Während mein Vater uns mit Höchstgeschwindigkeit sicher durch Hügel, Berge und Gebirge, durch Wälder, Wiesen und Äcker navigierte, nur um uns kurz darauf durch Senken, Täler und Schluchten zu lenken, sank ich mit schmerzenden Wangen sanft in den Schlaf, gewärmt von der Sitzheizung und dem leisen Summen des Gebläses.
Spät in der Nacht wurde ich langsam vom entfernten Heulen einer Sirene geweckt, die über die Autobahn hallte. Mit verschlafenem Blick fragte ich: 'Sind wir bald da?
Die Musik war längst verstummt, und in der Stille antwortet er: 'Gleich. Es ist nicht mehr weit. Ich bring dich ins Bett und mach dir noch einen warmen Gute-Nacht-Tee.
Hast du dich eigentlich schon informiert wegen deinem Lappen?" fragte er beiläufig, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. "Anscheinend gibt’s jetzt dieses Begleitete Fahren. Dann könntest du zeitnah mit dem Autofahren anfangen.
Automatisch griff ich nach der roten Pall Mall Schachtel in der Seitentür, drehte die Scheibe runter und nahm das Feuerzeug in die Hand. 'Ich weiß, du hast schon vorletzte Woche ge-fragt,' begann ich, während ich die Flamme entzündete, 'aber ich hab’s einfach nicht geschafft. Wir hatten eine Klassenarbeit, und ich musste Marc noch erklären, wie das mit den binomi-schen Formeln funzt, damit er den Test überhaupt besteht.' Ich nahm einen tiefen Zug, blies den Rauch aus dem Fenster und fragte, ohne ihn anzusehen: 'Ich google den Scheiß morgen früh an deinem Computer. Unter welchem Namen hast du diesmal im Appartement eingecheckt?
„Karl – Hans Müller“, antwortet er beiläufig
während er im Kreisverkehr die zweite Ausfahrt nahm. Die Reifen griffen auf dem vom Stark-regen durchtränkten nassen Asphalt und führten uns über eine Brücke – unter ihr befand sich eine Schlucht durch die ein Fluss führte, dessen Wasser im Mondlicht glänzte. Meine Blicke verschlangen den Anblick der Landschaft, als ich durch das Fenster sah. Dann flogen die verschiedenen Ortschilder an meinen Augen vorbei.
Dad sagte mit sanfter, aber bestimmter Stimme: „Aquaplaning – da brauchst du gute Reifen und einen sicheren Griff am Lenkrad. Bei Sturm immer Gegenlenken und mit dem Motor die Geschwindigkeit drosseln. Sonst wird’s rutschig.“
„Schon kapiert – wer bremst, verliert“, entgegne ich stumpf und nahm einen weiteren Zug von meiner Zigarette.
Er raunte zurück: „Keine Kippen am Lenkrad, und bei Glatteis nicht dicht hinter einem LKW kleben. Deine Mutter fuhr immer, als wollte sie die Stoßstange des Vordermanns küssen. Ein bisschen Abstand, Snowwhite – je nach Großwetterlage. Hast du das verstanden? Keine Faxen. Der Audi ist kein Spielzeug.“
Ich nickte stumm, und in meinem Hirn ploppte der Spruch … Fortschritt durch Technik … kurz auf, doch er fuhr unbeirrt fort: „Deine Mutter hat das nie verstanden. Der Fahrstil deiner Mutter – verstehst du – wie auf der Flucht – ist keine gute Sache! Du musst dich einfach konzentrie-ren. Und nicht so viel rauchen.“
Ich schnaubte leise, aber er fuhr dennoch fort: „Ich hab dir extra ein Altglas mitgenommen, für deine Kippenstummel. Wir dürfen hier in der Gegend nicht gesehen werden – keine Spuren hinterlassen. Die Kameras an den Zapfsäulen und Bankautomaten habe ich schon gecheckt. Sind alle soweit sauber.“
Er deutet mit einem Nicken aufs Handschuhfach. „Im Handschuhfach ist deine Karte. Spazier nicht in den rot markierten Bereichen herum. Halt dich an die Regeln. Kein Anruf, keine SMS, kein gar nix, bis wir hier wieder sicher draußen sind. Morgen holen wir Schwarzgold an den Gleisen ab. Du gehst einkaufen und kochst Spaghetti. Irgendwie musst du ja mal das Kochen lernen. Und nimm eine Flasche Wein mit.“
Er zog eine kleine Mappe aus der Innentasche seiner Jacke und reichte sie mir. „Hier ist dein neuer Pass für die nächsten Tage.“ Und er betonte wie immer: „Und denk dran – der Feind hört mit.“
Er parkte den Wagen auf einem beliebigen Stellplatz, stieg aus und öffnete den Kofferraum. Mit einem Griff nahm er die Taschen heraus und meinte knapp:
„Komm, dein Bett ist gleich da drüben.
Die Rechner sind schon aufgestellt.
Wir müssen morgen in aller Herrgottsfrühe raus,
und ich will dir noch schnell deinen Tee machen.“
Ich zögerte nicht lange, griff nach meiner Tasche und folgte ihm schweigend wie ein Entlein. Mit einem Ruck ließ er den Kofferraumdeckel zuschnappen, dessen Echo kurz durch die Tief-garage hallte. Dann gingen wir durch die Türen, durch die Gänge, bis er schließlich stehen blieb und einen Schlüssel aus der Tasche zog. Mit einer fließenden Bewegung öffnete er die Tür des Appartements in Schwarzgolds Wahlheimatstadt Eisrosenthal.
Typisch Dad – es roch hier schon nach ihm. Eine Mischung aus abgestandenem Kaffee, Le-der und der subtilen Note von Rasierwasser. Zielstrebig ging er in die kleine Küche, während ich direkt ins Bad abbog, um mir die Zähne zu putzen.
Als wir schließlich im Schlafzimmer ankamen, standen da zwei Einmannbetten, wie immer. Meins war rechts an der Wand. Dad schlief grundsätzlich an den geschlossenen Fenstern, die Heizung aufgedreht, so dass der Raum bald zur Sauna wurde. Und natürlich würde er wieder die ganze Nacht durch die Wände schnarchen, während der beißende Geruch seiner ver-schwitzten Füße sich wie Nebel im ganzen Raum ausbreitete.
Im Hintergrund fiepte der Wasserkocher. Ich schlüpfte in meinen Schlafanzug und war gerade bettfertig, als eine dampfende Teetasse schon auf meinem Nachttisch stand. Er kam noch kurz zu mir, drückte mir einen Gute-Nacht-Kuss auf die Stirn und ließ sich dann in sein Bett fallen. Wie ein müder Bär zog er die Decke um sich, drehte sich zur Seite, und bevor ich über-haupt liegen konnte, war er schon am Brummen.
Ich legte mich ebenfalls hin und zog mein Tastentelefon aus der Gesäßtasche meiner Jeans. Neugierig klappte ich es auf, in der Hoffnung, dass Marc mir geschrieben hatte. Vielleicht hatte eine Nachricht mich doch noch erreicht, bevor ich den Flugmodus auf der Autobahn einschal-ten musste? Aber der Posteingang war leer.
Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: Hatte Dad schon wieder meine SIM-Karte ausge-wechselt, während ich schlief? Ich war es so satt. Jeden Monat dasselbe Theater – Berge an No-Name-SIM-Karten musste ich bei irgendwelchen windigen Händlern bar kaufen, weil Dad selbst keinen Bock auf Shoppen hatte. Alles landete auf meinem Schreibtisch. Er will nach der Arbeit einfach nur noch auf die Couch, Pizza Inflatione essen und Fernsehen. Seh ich aus wie seine persönliche Shoppingqueen? Warum kauft er seinen Kram nicht selbst online? Ach ja, Risikomanagement. Ich konnte es nicht mehr hören.
Ich klappte das Handy wieder zu und versuchte mir einzureden, dass alles gut werden würde. Die Wärme und der Atemrhythmus meines Vaters erfüllte den gesamten Raum und nahm mich mit auf die Reise in meine dunkelsten Träume.
***
Das schrille Piepen meines Weckers schnitt wie eine Klinge in meinen Kopf. Ohne die Augen zu öffnen, tastete ich nach dem Snooze-Knopf. Stille. Fünf Minuten später dasselbe Spiel. Noch einmal. Und noch einmal. Beim vierten Durchgang flog plötzlich die Zimmertür auf.
„Snowwhite – jetzt reicht’s!“, knurrte Totenschwarz,
stapfte herein und riss mir mit einem einzigen Ruck die Decke weg.
Ein eiskalter, nasser Waschlappen klatschte auf mein Gesicht.
Ich japste nach Luft und riss die Augen auf.
„Aufstehen, wir haben keine Zeit für Prinzessinnenschlaf.“
Er stand neben meinem Bett wie ein schlecht gelaunter General. In der Hand hielt er meinen Kaffeebecher – dampfend – und daneben die schwarze Schachtel Black Devil, die er vor zwei Wochen in Neapel gekauft hatte.
„Hier. Koffein und Nikotin. Dein Starterpaket.“
Ich setzte mich widerwillig auf, strich mir die Haare aus dem Gesicht und dachte an Marc.
An den Tanzkurs am Freitag.
An die Klassenarbeit in Mathe.
An die Tabellen, die heute fertig werden mussten.
Wie sollte ich das alles unter einen Hut kriegen?
Ich zog den Kaffee an mich, nahm einen tiefen Schluck und steckte mir eine Zigarette an. Mit nackten Füßen trottete ich ins Nebenzimmer. Dort war Totenschwarz längst in seinem Ele-ment. Die drei Monitore leuchteten, Kabelschlangen krochen über den Boden, der Drucker war warm, daneben lagen saubere Latexhandschuhe in einer ordentlichen Reihe. Mein Vater saß auf seinem Drehstuhl, den Blick fest auf eine Excel-Tabelle gerichtet. Seine Finger flogen über die Tastatur, während er Zahlenkolonnen ordnete, als würde davon das Überleben der Welt abhängen.
„Wenn du gleich einkaufen gehst, vergiss den Wein nicht“, sagte er,
ohne den Blick zu heben.
„Spaghetti. Und diesmal kochst du sie. Du musst das lernen.“
Ich wollte protestieren, aber er war schon aufgestanden und ging ins Schlafzimmer, um sich anzuziehen.
„Und die nächsten drei Tabellen machst du fertig, bevor wir essen.
Kein Aufschieben, Snowwhite.“
Dad drückte mir beim Vorbeigehen den Zimmerschlüssel und eine kurze Einkaufsliste in die Hand.
„Spaghetti, Wein – und den guten Parmesan, nicht den billigen Scheiß.
Mach dich hübsch, du weißt ja, wie’s läuft.“
Er legte noch einen glatten Hunderter obendrauf, sah mich kurz an und sagte mit einem wei-chen Unterton:
„Mit diesen smaragdgrünen Augen bekommst du sowieso alles.“
Seine Hand strich flüchtig über mein Haar, dann küsste er mich auf die Stirn. Sein Tonfall ließ keinen Spielraum für Diskussionen. Ich nippte an meinem Kaffee, und er verschwand mit sei-ner blauen Jeansjacke und einem breiten Grinsen zur Tür hinaus.
Ich setzte meinen Kaffee ab und begann mich für den „Einkaufstrip“ zu rüsten.
Snowwhite-Modus. Showtime.
Kein Mensch durfte auf die Idee kommen, dass ich fünfzehn war. Aus dem Schrank zog ich den schwarzen Hosenanzug, den mir meine Tante für die anstehenden Vorstellungsgesprä-che nach meinem Schulabschluss geschenkt hatte. Das erste davon war schon bald – ausge-rechnet an Vaters Geburtstag in der Goldstadt. Die Hose saß perfekt, das Jackett formte klare Linien. Ich griff nach der schlichten Halskette, steckte kleine Ohrstecker in die Ohren und legte mir die zeitlose, goldschwarz glänzende Uhr ans Handgelenk.
Ein Fake-Autoschlüssel klimperte am Schlüsselbund – ein Trick, der schon oft geholfen hatte. Niemand fragt nach einem Ausweis, wenn er denkt, dass du gerade mit deinem Wagen vorgefahren bist.
Dann das Make-up und die Haare: Ich glättete mein Haar, fixierte es mit etwas Haarlack und trug Foundation auf, darüber Puder, ein Hauch Rouge für die Wangen, dezenten Lippenstift und kräftige Wimperntusche – so, als wäre ich auf dem Weg zu einem wichtigen Termin. Die Kontaktlinsen funkelten und ließen meine Augen größer wirken. Ein Spritzer Herrenparfüm – erwachsen, nicht süßlich – rundete das Ganze ab. Es sollte wirken, als wäre ich vergeben und würde noch nach der Umarmung mit meinem Freund riechen.
Ich schlüpfte in schwarze Pumps, griff meine Handtasche, in der sich der ergaunerte Hunder-ter und mein Geldbeutel befanden, und steckte die von Dad zugewiesene Karte ein. Auf ihr waren die „grünen Zonen“ markiert, in denen ich mich frei bewegen durfte. Kein Schritt in die roten Bereiche.
Draußen atmete ich die kühle Luft ein, während ich zu Fuß losging. Die Straßen waren ruhig, nur wenige Passanten. Ich kannte den Weg und prüfte immer wieder unauffällig meine Umge-bung – Gewohnheit.
Als der Supermarkt in Sichtweite kam, verlangsamte ich kurz den Schritt. Tiefer Atemzug. Schultern zurück, Kinn leicht angehoben. Jetzt war ich nicht mehr Snowwhite, das Mädchen aus der Abschlussklasse. Jetzt war ich die junge Frau, die genau wusste, was sie wollte.
Die automatische Tür glitt auf. Ich griff zielsicher zu: Parmesan – der gute, nicht der billige –, Spaghetti, frische Tomaten, zwei Flaschen Wein. Für die Tarnung legte ich noch WC-Reiniger und Spülmittel in den Wagen. Erwachsene kaufen nie nur „Genussmittel“, sie packen immer auch langweiligen Haushaltskram dazu.
An der Kasse legte ich meine Einkäufe aufs Band, unauffällig, selbstsicher, ein kleines Lä-cheln auf den Lippen. Die Kassiererin musterte mich aufmerksam, tippte die Preise ein und fragte schließlich:
„Darf ich mal kurz Ihren Ausweis sehen?“
„Natürlich, kein Problem“, sagte ich freundlich und zog das Portemonnaie schon während des Satzes auf. Völlig gelassen reichte ich ihr den gekauften Ausweis.
„Entschuldigen Sie, Frau Cosic“, meinte sie. „Bei jungen Leuten weiß man nie so genau. Für neunzehn hätte ich Sie wirklich nicht gehalten.“
„Manche Menschen altern schneller, andere langsamer“, erwiderte ich lächelnd. „Ich ernähre mich gesund, treibe viel Sport und… rauche nicht.“
Sie lachte leise, gab mir den Ausweis zurück. „Bar oder Karte?“
„Bar.“
Der Hunderter wechselte den Besitzer, das Wechselgeld wanderte in meine Geldbörse. Kein Zögern, keine weiteren Fragen. Mission erledigt.
Mit leicht erhobenem Kinn trat ich aus dem Supermarkt. Routine – und doch pochte das Adre-nalin leise unter meiner Haut. Kaum war der Laden nicht mehr in Sichtweite, zog ich eine Black Devil aus der Schachtel, zündete sie an und nahm einen tiefen Zug. Rauch in den Lun-gen, Ruhe im Kopf. Der Weg zurück ins Appartement war kurz, die Straßen vertraut. Kein Blick nach links oder rechts, nur das gleichmäßige Klacken meiner Pumps auf dem Asphalt.
Oben angekommen legte ich die Einkäufe ab, zog die Latexhandschuhe über und setzte mich an den Arbeitstisch. Die nächsten drei Tabellen füllten sich wie von selbst, Zahlen rein, For-meln prüfen, drucken. Nebenbei nahm ich die Stricknadel und die Schablone, fuhr die aufge-druckten Poststempel nach – gleichmäßige Bewegungen, präzise Linien. Jeder Bogen wan-derte ordentlich in den Stapel. Als der Drucker surrend weiterarbeitete, ging ich in die Küche.
Wasser aufsetzen, Spaghetti hinein. Hackfleisch anbraten, Knoblauch und Tomaten dazu. Der Wein stand auf der Ablage und atmete.
„Wann hat das alles endlich ein Ende?“, murmelte ich, während ich den Parmesan über dem Topf rieb. „Wann kommt das normale Leben, das Dad mir immer versprochen hat?“
Meine Stimme brach leicht, ein kurzer Schluchzer, den nur die köchelnde Sauce übertönte.
Ich wischte mir rasch mit dem Handrücken über die Augen, stellte den Käsehobel beiseite und drehte die Herdplatte auf klein. Der Duft von Bolognese und frischem Parmesan füllte das kleine Appartement.
Gerade wollte ich den Tisch decken, als Schritte im Flur zu hören waren – fest, gleichmäßig, begleitet von einer zweiten, tiefer klingenden Stimme. Mein Herz machte einen Sprung. Re-flexartig schob ich den Stuhl zurück, glitt ins kleine Bad und lehnte die Tür nur sanft an.
Die Stimmen wurden lauter. Es war nicht schwer, sie zu erkennen: Totenschwarz – und Schwarzgold, den Dad liebevoll „Don Juan“ nannte. Sein Alias. Jeder hatte einen Alias. Meiner war Claudia C.
***
Die Wohnungstür fiel ins Schloss, gefolgt von schweren Schritten im Flur. Totenschwarz und Schwarzgold lachten laut über irgendeinen Witz, den ich nicht ganz verstand. „Don, das mit Michelle ist bei dir ja nur Leistungssport. Du darfst das mit deiner Frau nicht so ernst nehmen.“
Das tiefe, kehlig rollende Lachen zweier Männer, die zu viele Geheimnisse miteinander teilen. Michelle war nicht Dons Frau – ich war mir fast sicher, dass sie anders hieß. Irgendwas mit G oder H. Aber der Name wollte mir nicht einfallen. Wir hatten so viele Identitäten, dass man leicht den Überblick verlor.
„Riechst du das, Don?“, rief Dad, während er in die Küche trat. „Meine Tochter lernt endlich kochen.“ Schwarzgold grinste, zog die Lederjacke aus und setzte sich ohne zu fragen an den Tisch. Sein Blick glitt zu mir, prüfend, als wollte er herausfinden, ob ich mich verändert hatte.
„Nicht schlecht, Snowwhite“, sagte er schließlich. „Fast wie bei meiner Frau zu Hause… nur ohne Thunfisch.“
Ich stellte den Topf in die Mitte, goss den Wein ein und setzte mich ihnen gegenüber.
Das Gespräch begann harmlos – „Wir brauchen einen neuen Wagen. Ich hab schon einen BMW rausgesucht, Dieselautomatik, weiße Ledersitze, großer Kofferraum.“ Dad zeigte Don ein Foto auf seinem Handy. „Snowwhite? Hol mir mal ein paar neue SIM-Karten aus den Pil-lenboxen. Wir müssen mal wieder Nummer austauschen – du weißt ja, der Feind hört mit.“
Ich stand vom Tisch auf, ging ins Wohnzimmer, holte die Liste mit Telefonnummern und SIM-Karten aus dem Regal und ging zurück an den Tisch, an dem sich die beiden über Frauen, Geschäfte und die weitere Planung unterhielten. Zwischen diesem belanglosen Gerede fielen immer wieder Sätze, die hängen blieben:
„Das müssen wir bald regeln.“
„Der Winterburger wartet nicht ewig.“
„Und dieser Marc…“ – kurzer Blick zwischen ihnen – „… das klären wir.“
Wir aßen weiter, während Don plötzlich vibrierend sein Handy aus der Lederjacke zog.
Ein Blick aufs Display – ein schmales Lächeln, das sofort verriet, wer dran war.
„Perdona, chicos“, murmelte er und ging ran.
„Hola, mi dulce…“ Seine Stimme war jetzt weich, beinahe schmeichelnd. Er wechselte mühe-los ins Spanische, und obwohl ich die Sprache nicht verstand, reichte die Mimik mir völlig aus. Er lehnte sich zurück, drehte das Glas in der Hand, während er zuhörte – und dann senkte sich seine Stimme noch tiefer. Die Worte, die folgten, waren eindeutig. Viel zu eindeutig.
Kein Zweifel: Michelle.
Ich verstand nur Bruchstücke – „tus pechos tan bonitos …“, „tu piel suave …“ – aber der Ton-fall sprach Bände. Sein Blick ging ins Leere, ein schiefes Grinsen spielte um seine Lippen, und seine Finger trommelten wie im Takt einer stillen Musik auf den Tisch. Totenschwarz kaute seelenruhig weiter, als würde er solche Gespräche jeden Tag beim Mittagessen hören.
Ich hingegen verdrehte innerlich die Augen. Natürlich. Michelle. Oder wie auch immer sie wirk-lich hieß. Don beendete den Anruf mit einem tiefen, kehlig geflüsterten „Hasta pronto, cariño“.
Dann steckte er das Handy ein, griff zur Gabel und tat, als wäre nichts gewesen.
Don legte die Gabel beiseite, wischte sich mit der Serviette den Mund ab. „Also“, begann er und sah Totenschwarz direkt an, „wir sollten alles zusammenpacken. Keine Zeit verlieren.“
Dad nickte knapp. „Snowwhite, räum den Tisch ab und dann ins Zimmer – wir verladen gleich.“
Es klang wie eine beiläufige Anweisung, aber der Blick, den er Don dabei zuwarf, hatte etwas Endgültiges. Ich spülte Teller und Gläser, während im Nebenzimmer bereits Taschenreißver-schlüsse schnappten und Papiere in Mappen glitten. Als ich zurückkam, standen die Koffer schon neben der Tür.
Wir verstauten die Sachen im Wagen, während Don sich mit einem kurzen „Bis später“ verab-schiedete und in der nächsten Querstraße verschwand. Dad zog die Tür vom Appartement zu, steckte den Schlüssel ein und sah sich einmal im Flur um, bevor er die Treppe hinunterging.
Kein Wort.
Später, an den Gleisen des Bahnhofs, tauchte Don wieder auf – lässig wie immer, als wäre nichts gewesen. Wir stiegen zu dritt in den Wagen, und kurz darauf ließen wir Eisrosenthal hinter uns zurück.
Ich verzog mich auf die Rückbank, Kopfhörer tief in den Ohren, Musik so laut, dass sie den Rest der Welt überdeckte. Irgendwann fielen mir die Augen zu – doch der Schlaf war flach, brüchig.
Bruchstücke der Stimmen drangen trotzdem zu mir durch.
„… wir müssen einen Zeitpunkt finden, es ihr zu sagen.“
„Sie wird toben.“
„Besser jetzt als später. Marc ist vom Tisch.“
„Glaubst du, sie ist schon verliebt?“
„Möglich. Und das ist genau das Problem.“
Ich hielt still, tat so, als würde ich schlafen.
Auf der Rückbank sackte ich mit den Kopfhörern immer wieder weg,
aber manche Fetzen ihres Gesprächs drangen trotzdem zu mir durch.
„… der Junge ist herzkrank, Don. Nimmt Tabletten.
Weißrosa hat’s mir gesagt.“
„Ach ja?“ Schwarzgolds Stimme klang nachdenklich, fast kühl. „Gut zu wissen.“
Dann wieder Schweigen, nur das Brummen des Motors.
Ich ließ die Augen geschlossen, als wäre ich ganz weg.
„Meinst du, sie hält dicht?“, fragte Don nach einer Weile.
„Sie hat bisher nichts gesagt“, antwortete Dad.
„Aber wir gehen ein verdammt großes Risiko ein.“
„Wir wollen nicht zurück in den Knast, Totenschwarz.“
„Genau deshalb muss sie mitziehen. Ohne Ausreißer.“
Dad lehnte sich im Sitz zurück,
die Stimme jetzt tief und fest, ohne einen Hauch Zweifel:
„Sie tut eh exakt das, was ich ihr sage.“
…
Kurze Pause. Dann Don, leiser:
„Totenschwarz… kannst du was für mich aus dem Haus schaffen?“
„Natürlich.“
Ein kurzes, trockenes Lachen. „Das beste Versteck ist ein Grab.“
…
Ihre Stimmen wurden wieder leiser, vermischten sich mit dem Brummen des Motors. Ich zog die Knie an, drückte die Kopfhörer fester in die Ohren und ließ mich zurück in den Halbschlaf sinken – als würde das Gespräch dann einfach nicht existieren.