Auf der Suche ... nach Ablenkung und auf der Suche nach der Wahrheit. Ich hoffe es wird mir nachgesehen, aber das Schreiben hilft mir.
Ich hatte früher gerne Katzen, hatte drei, zwei Kater namens Hector und Berlioz und eine Kätzin, Marie. Wir hatten unser eingespieltes Leben in Berlin, in einer Wohnung im ersten OG in einem recht grünen Viertel im südlichen Tempelhof. Hector und Berlioz waren jeden Morgen die ersten neben mir, wenn ich aufstand und in die Küche ging. Dort drehten sie sich maunzend jeden Morgen vor mir als wollten sie mir sagen: „Guck mal, wie schlank Hunger macht.“ Marie, ganz Dame kam immer erst später irgendwann angetüffelt, aß ein paar Bröckchen und sprang dann auf ihren Stammplatz auf einem Fensterbrett im Wohnzimmer.
Eins Tages war Marie urplötzlich verschwunden. Normaler weise ging sie nie raus, im Gegensatz zu ihren beiden Brüdern, die ich im Verdacht hatte, draußen in den Gärten mit anderen eine Gang gebildet zu haben. Ich war stets darauf gefasst, dass sie eines Tages mit Bomberjacke und Baseballkäppi mit nach hinten gedrehtem Schirm wieder von ihren Streifzügen heimkehrten. Nicht so Marie. Die lag stets auf ihrem zugegebenermaßen eigenem Fensterbrett, es gehörte ihr, niemand anderem, selbst ihre beiden Brüder trauten sich nicht, sich daraufzusetzen. Und doch war das Fensterbrett zwei Tage lang leer geblieben.
.Ich habe überall nach ihr gesucht: in den Büschen, in den Gräben am Straßenrand, in allen Gärten der Nachbarn, bis ich dachte das Unvermeidliche sei passiert. Nach zwei Wochen, mit vielen Stunden intensiven Suchens begann ich, mich mit dem Unvermeidlichen abzufinden. Wieviel ich in dieser für mich doch psychisch belasteten Zeit geraucht habe, könnt ihr euch sicherlich alle selbst vorstellen. Immerhin ging es mir um Marie, meine Marie.
Hector und Berlioz waren nach wie vor jeden Morgen um mich herum, beglückten mich manches Mal auch mit etwas mehr Natur als mir in meiner Wohnung lieb war. Sie brachten mir Mäuse und Ratten stets lebend ins Haus, um mir zu zeigen, wie elegant sie beide töten konnten. Angesichts dieser Rüpel vermisste ich meine Marie stets noch einmal mehr. Dann setzte ich mich stets an meinen Schreibtisch, blickte auf das leere Fensterbrett und versuchte vergeblich, meinen Schmerz, meinen Verlust wegzurauchen.
Eines Tages ging ich dann an die Schublade unter dem Bett, um saubere Bettwäsche zu holen. Und dann tauchte sie auf, Marie, meine Marie, kroch aus dem Raum zwischen den Schubladen in die geöffnete und von dort an mir vorbei in den Raum. Ganz
lässig trat sie aus der Schublade, es fand ein großes Dehnen statt und gab mir erst einen schönen "ich bin tiefenentspannt-Blick", gähnte dann herzhaft während ihrem Katzen-Thai-Chi. Dann schlenderte sie an mir vorbei und sah mich an, als wäre ich ein Vollidiot.
Es folgte die übliche Aufwachroutine, an ihrem Lieblingsplatz am Fenster zu sitzen, um draußen fünf Minuten lang alles zu betrachten und für in Ordnung zu finden. Von da aus ging sie zur „Katzentankstelle“, um nachzutanken, naschte ein paar Bröckchen aus dieser und ein paar aus jener Schüssel, Bröckchen, die sie stets mit ihren Krallen aufspießte um sie dann elegant zu essen. Ich folgte ihr mit offenem Mund, rauchend natürlich, weil grübelnd, ob sie nun die ganze Zeit dort gewesen sein konnte, ohne dass ich es bemerkt hätte.
Nach fünf oder sechs Bröckchen hatte sie auch schon wieder genug, ging zu ihren Brüdern, drängte sich zwischen diese in den Korb auf der Schrankwand und schlief mit ihren Brüdern im gemeinsamen weichen Bett, bekannt als das Wohnzimmer meiner Katzen, für dessen Ordnung und Sauberkeit sie schließlich mich als hauswirschaftendes Faktotum hatten.
Offensichtlich aus Sorge, dass sie auf irgendeine Weise krank sein könnte, um sie genau im Auge zu behalten, beschlossen ihre Brüder sich drei Stunden Ruhe und Zeit zu nehmen, bevor sie wieder für die tägliche Nachbarschaftspatrouille begaben, um die terretorialen Markierungen zu überprüfen und ihrer Schwester eine frische Wühlmaus mitzubringen.
Inzwischen hatte ich realisiert, dass Marie nur einen zweiwöchigen Katzenurlaub von ihrem sonst ach so harten und zerstörten Leben genommen hatte. Nein, dachte ich bei mir, nein Frolein, so nicht, nicht mit mir. Also ging ich ins Schlafzimmer und räumte meine Schubladen um. Doch was war das jetzt? Ein kratzendes Geräusch hinter mir, da war sie wieder, seitlich versetzt hinter mir, neben der Urlaubsschublade mit der Strand- und Badekleidung, lässig mit der Pfote daran kratzend und mich ansah mit dem Wort: Das ist KEINE Anfrage, mein Herr, das ist ein BEFEHL, ich will JETZT zurück in die Schublade!
AUF KEINEN FALL!! dachte ich bei mir. Das machst du nicht nochmal mit mir, dafür sorge ich. Es folgte das übliche Prozedere, die lange, harte Starre-Session, Auge in Auge, keiner von uns beiden eine Miene verziehend, die ich diesmal unbedingt gewinnen wollte. Aber ohne Zweifel würde ich verlieren, und das tat ich auch. Mein Mariechen brauchte nur zwei Minuten, dann hatte sie bereits wieder gewonnen. Ich räumte ihr ihren Urlaubsplatz wieder frei und zog mich, ganz Verlierer, still rauchend an meinen Schreibtisch zurück.
Würde ich all diese Situationen heute auch ohne Zigarettenkonsum durchleben können? Ja, auf jeden Fall. Vielleicht nicht unbedingt in den ersten drei Monaten der Entwöhnung, da müsste man dann doch schon sehr hart gegen sich selbst sein und wäre sicherlich sehr nahe am ein oder anderen sicher verzeihlichen Ausrutscher. Aber rein threoretisch betrachtet, hätte ich alle diese Situationen auch gut ohne Tabakkonsum schaffen können. Schließlich wurden wir ja alle Mal als nicht rauchende Wesen geboren.