Guten Morgen, lieber Bernhard,
gerade eben erst habe ich Dein Wohnzimmer mit den vielen interessanten Beiträgen entdeckt - es ist großartig, wie intensiv Ihr Euch mit den Hintergründen der Sucht auseinandersetzt.
Auch ich kann in diesem Punkt nur aus meiner eigenen Erfahrung berichten, denn warum bin ich früher nach einem Dreivierteljahr in völliger Rauchfreiheit wieder rückfällig geworden, während es mich heute, nach gut dreieinhalb Jahren, gar nicht mehr juckt? Weil ich jeweils mit einer unterschiedlichen Grundeinstellung eingestiegen bin.
In der Phase, nach der ich wieder rückfällig geworden bin, hatte ich insgeheim immer den Gedanken an eine "positive" Zigarettenwirkung im Hinterkopf: Es rundet einen schönen Moment ab, es entspannt, es ist ein schönes Gemeinschaftserlebnis - und dergleichen Blödsinn mehr. Kurzum: Ich empfand das Rauchen tief im Inneren als etwas Positives, das ich mir selber verboten hatte. Der Rückfall war vorprogrammiert.
Dieses Mal bin ich anders gestartet: Ich habe mich über den Grad meiner Abhängigkeit informiert. Und es war nicht angenehm, der Wahrheit ins Auge zu sehen, dass ich im Fagerström-Test die volle Punktzahl erreicht habe.
http://www.rauchfrei-info.de/aufhoeren/machen-sie-den-test/zigarettenabhaengigkeitstest-fagerstroem/
Ein Leben ohne Kippe war für mich infolge des Abhängigkeitsgrades völlig unvorstellbar, also habe ich meine Entscheidung immer aus dem Moment heraus getroffen: "Nein, im Moment MÖCHTE ICH NICHT rauchen." Ich habe mir nichts verboten, ich habe mir nur immer wieder vor Augen geführt, dass ich es nicht mehr möchte. Ich möchte nicht mehr süchtig und abhängig sein, ich möchte meine Freiheit zurück.
Wie sehr sich dieses Motiv als eine Art Selbsthypnose in mein Gehirn gebrannt hat, wurde mir vor gut einem Jahr bewusst, als ich Gast auf einer wodka-intensiven deutsch-polnischen Hochzeit war: Ich stand mit meinen rauchenden Verwandten im Freien und im gleichen Moment, als in meinem Gehirn "Och, du könntest doch mal..." aufblitzte, kam vollautomatisch die Antwort "Nein, im Moment möchte ich nicht." Diese Situation hat mir sehr stark zu denken gegeben. Heute weiß ich, dass ich das Nicht-mehr-Rauchen innerlich eindeutig positiv besetzt habe. Ich habe mich spaßeshalber schon öfter als "Pawlowschen Nicht-mehr-Raucher" bezeichnet, denn für mich zählt nur das positive Resultat:
[b][i]Niko bimmelt mit dem Glöckchen und ich denke "Nein, ich möchte nicht.".[/i][/b]
Ob es in zwanzig Jahren noch klappt, weiß ich nicht, aber für mich ist es seit über 1000 Tagen ein zuverlässiger, pflegeleichter Begleiter. Ich bin süchtig und bleibe es wohl auch - es stört mich aber nicht mehr.
Liebe Grüße und allen einen schönen, schmachtfreien Sonntag, Brigitte