Liebes Tagebuch,
heute Nacht habe ich die übrig gebliebenen Zigaretten zerbröselt - ein Wühlen im Müll bringt also nichts - und schließlich ganz bewusst meine letzte Zigarette geraucht. Ich konzentrierte mich auf Geschmack und Geruch, nahm die Kälte draußen wahr, schaute mir den dreckigen Aschenbecher mit den Tageskippen an ... und ging zufrieden ins Bett.
Obwohl ich meine Entwöhnung anfangs mit einem Nikotinpflaster unterstütze, also die körperliche Abhängigkeit von diesem Suchtstoff befriedigt sein müsste, war ich heute Morgen überrascht, wie oft ich den Gedanken hatte, eben mal vor die Tür zu gehen, um eine zu rauchen, vor allem nach dem Frühstück mit der Zeitung.
Hatte? Nein! Immer noch ständig habe!
Aber ich laufe jetzt nicht zur Tanke. Da müsste ich mich ja zuerst umziehen (in Jogginghose gehe ich nicht einkaufen).
Fazit bisher:
- die Morgenzeitung lese ich nun nicht mehr am Küchentisch, sondern nach dem Frühstück im Wohnzimmer
- wenn zeitlich möglich style ich mich morgens nicht, ziehe eine Jogginghose und eine alte Jacke an
- sobald die Suchtstimme mich nach draußen schicken will, pflaume ich sie sofort an mit "hau ab", ich lasse mich auf keine Diskussionen ein (ich könnte mir ja überlegen, welche weiteren Alternativen es gibt, so in Richtung kreativ und flexibel sein :) Ad hoc fallen mir "verzieh dich", "lass mich in Ruhe" ein.)
Statt eine Nach-Frühstücks-Zigarette geraucht zu haben, sind nun meine Fingernägel samt Nagelhaut einer ausgiebigen Massage mit einer Nail Massage Cream unterzogen worden. Jetzt stinken meine Finger nicht nach Qualm, sondern duften dezent nach Aprikose.
Mein Mann hat, als ich noch schlief, heimlich den Standaschenbecher neben der Küchentür entfernt. Wie lieb von ihm :heart::heart:
Heute Nachmittag schauen wir Bundesliga. Strickzeug, Knetball und Wasser habe ich in greifbare Nähe gelegt bzw. gestellt.
Und wenn das Suchthirn zu laut schreit, singe ich dagegen an mit einem etwas abgewandelten Refrain eines Liedes von Mireille Matthieu "Es geht mir gut, merci chéri, dass es ein Leben lang so bleibe. Es geht mir gut, so gut, es geht mir gut, so gut, merci chéri."
Puh, so oft wie heute allein bis jetzt 14 h habe ich noch nie "Verzieh dich, verpiss dich (oh eine weitere Alternative)" gesagt oder gedacht. Ich glaube, die Hundert könnte ich voll bekommen. Ich verzichte dennoch auf eine Strichliste. Mit einem Kugelschreiber ständig in der Hand lässt sich nunmal nicht so einfach stricken.
Ich freue mich jedenfalls schon darauf, heute Abend sagen zu können, dass ich meinen ersten rauchfreien Tag geschafft habe.
LG Kyra