Hallo und guten Tag Christine,
dir möchte ich einen etwas längeren Besuch abstatten heute, denk es dir als kollegialen Schwatz unter Kollegen im Dienstzimmer, in der ruhigen Zeit eines Spätdienstes, zwischen Nachmittagskaffee und Abendessen. Aber vielleicht sollten wir uns einfach mal unsere Kaffeetassen nehmen, und das muffige Dienstzimmer auch mal ganz verlassen.
Komm, lass uns auf den Balkon gehen, an die frische Vorfrühlingsluft. Erinnerst du dich,wie wir hier früher während langweiliger Nachtdienste Zigaretten nur aus Langeweile geraucht hatten? Doof,oder? Wie viele Zigaretten haben wir hier nach dieser und jener Stressphase geraucht, weil wir meinten, nun seien wir durch und hätten uns eine Belohnung verdient. Und was passierte dann direkt danach? Bewohner XY, noch selbständig und mobil, bekam Durchfall, wollte noch schnell zur Toilette und stürzte, schlug sich den Kopf zur blutenden Platzwunde an der Toilettenkante.
Zigarette davor umsonst geraucht, denn nun waren wir wieder dicke im Stress mit Aufwischen von Blut und ... :| weißt schon, Versorgen der Wunde des Bewohners, KV Arzt alarmieren, KT bestellen, Pflegeüberleitungsbogen schreiben und und und. Und mal ehrlich,war die Zigarette davor denn wirklich eine Belohnung oder empfanden wir sie nur so? Ich möchte meinen letzteres. Wir haben uns eine Belohnung vorgegaukelt, auch vorgaukeln lassen von unseren Hormonen. Aber Lüge bleibt Lüge.
Lass uns daher jetzt hier lieber ohne Zigaretten sitzen. Ich greif mal in meine Tasche und hole meines Vaters altes Zigarettenetui heraus. Ich klappe es auf, biete dir eine an. Eine Pfefferminztablette, eine Fi-Fr, ohne Zucker, ich nehme mir auch selbst eine. Und diese lutschend können wir unsere Zigarettenpause auf dem Raucherbalkon machen, uns dabei unterhalten, über die Arbeit, über doofe Weiber :roll: und blöde Kerle :roll: . Wir können auch über Kollegen und/oder Bewohner lästern, schließlich sind auch wir Pflegekräfte nur Menschen.
Ich stehe auf auf dem Balkon, ich habe es gerade gesehen, das will ich genauer sehen. Und dann bitte ich dich ebenfalls, aufzustehen, Christine. Schau mal da unten, da im Garten, neben dem Baum, siehst du das? Der kraftvoll orange Farbfleck? Die Krokusse neben dem Buchenstamm sind aufgebrochen. Und dann siehst du, nachdem deine Augen dafür empfindlich geworden sind, den kräftig violetten Pulk der Krokusse im Windschatten der Eibe.
Christine, lass uns hier auf dem Balkon noch viele Fi-Fr-Pausen machen, aber bitte keine einzige Zigarettenpause mehr, ich kann die Dinger nicht mehr sehen und mag sie nicht mehr ertragen. Das Leben ist ohne sie schöner.
Und bevor ich es vergesse, habe Dank für deinen lieben Besuch in meinem Wohnzimmer.
Es grüßt dich aufmunternd lächelnd und die Hand ausstreckend Daniel aus dem Plänterwald