Guten Morgen Ihr Lieben,
da hat sich ja eine schöne Diskussion um das Thema Willenskraft ergeben. Ich finde, da sind ganz viele tolle und spannende Aspekte drin:
Der Wille ist das Fundament - ohne ihn geht es nicht, d sind wir uns wohl einig.
Für Klaus ist das bereits erkennbar, wenn wir den Willen entwickeln die Zigaretten wegzuwerfen und uns durch den Suchtdruck durchzukämpfen. Klaus ist also gewissermaßen "Minimalist", was einen erkennbaren Willen betrifft.
Seni steht (wie ich) am anderen Ende des Spektrums, die neben der Willenskraft die aktive Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen als Dreh- und Angelpunkt empfindet.
Und für Seni - denn ich hatte das niemals so ausgeprägt wie sie - ist das Beenden der Opferrolle ganz entscheidend. Ich finde, das ist ein extrem wichtiger Punkt. Ich selbst habe mein ganzes Leben aktiv in die Hand genommen, Entscheidungen gefällt, gemacht und niemand anderen als mich für das Ergebnis meines Handelns verantwortlich gemacht. Deshalb ist mir dieses Denken komplett fremd.
Ich kenne jedoch jede Menge Menschen, die keine Verantwortung für ihr tun übernehmen wollen ... und wenn es ganz schlimm ist, sogar noch andere dafür verantwortlich machen, was ihnen geschieht. Ehrlich: für mich ganz schrecklich, weshalb in meinem Umfeld keine solchen Leute sind - zumindest nicht dauerhaft (ich versuche zu Beginn immer zu unterstützen und zu helfen, aber wenn es nix bringt ...)
Jutta ist bei den Gefühlen "voll dabei" als entscheidendem Punkt und denkt, das die Auseinandersetzung damit meist erst nach dem Rauchstopp geschieht. Ich bin der gleichen Meinung, d.h. das bei den meisten Aufhörwilligen die Auseinandersetzung mit ihren Gefühlen erst nach dem Aufhören beginnt (wenn überhaupt). Doch das macht den Rauchstopp meiner Meinung nach viel schwerer.
Ich selbst reflektiere seit Jahrzehnten über mich und bin seit dem Rauchstopp auf einmal viel viel klarer bezüglich meiner Gefühle als vorher, d.h. ich kann sie besser gegenüber anderen anbringen und "durchsetzen".
Es ist so, als ob jemand einfach eine dreckige Scheibe geputzt hätte. Doch was ist Henne, was ist Ei?
Ich habe das Gefühl, dass die Jahrzehnte lange Arbeit an mir - zusammen mit meinem Wissen über Sucht - diesen "so befreienden Schritt" für mich ermöglicht hat. Deshalb würde ich jedem empfehlen, darüber nach zu denken, welche Emotionen man mit der Droge Nikotin kontrolliert (= Funktion der Droge). Und das ist m.E. immer weiter weit mehr als purer Suchtdruck.
Last but not least die Sache mit der Kapitulation. Hmmmm ... liebe Jutta ... ich versteh, was da gemeint ist ... der Alkoholiker (allgemeiner der Drogensüchtige) muss erst am Tiefpunkt sein und sich eingestehen, dass ihn die Sucht im Griff hat und sein Leben zerstört. Er muss "kapitulieren", um dann Willenskraft zu entwickeln. Kapitulation und Willenskraft hängen also eng miteinander zusammen und ich denke, das ist schon richtig.
Was mir jedoch gar nicht gefällt ist dieser Begriff - die Kapitulation. Einfach weil Kapitulation für mich eine Art von "Aufgeben und sich unterordnen" beinhaltet. Und das halte ich - in jeglicher Form - für gefährlich und öffnet das Tor für manipulativen Missbrauch. Achtung! Ich sage nicht, dass dieser geschieht ... es ist nur das Tor!
Deshalb ist mein Wort für "Kapitulation" das Wort "KRANKHEITSEINSICHT". Ich muss zuerst erkennen, dass ich krank bin. Ich erinnere an dieser Stelle an die Kriterien der Suchterkrankung im ICD 10, die ich bereits beschrieben habe, Für mich ist das weitaus neutraler ... und für Kranke mit einem langen Leidensweg (und das sind Süchtige wie wir) ist die ENDLICH gestellte Diagnose der erste Schritt zur Besserung. Der Kranke ist erleichtert (das Problem hat endlich einen Namen) und das gibt ihm die Möglichkeit mit seiner Krankheit umzugehen und mit ihr zu leben. Es kann natürlich auch passieren, dass sich die Person gegenüber der Krankheit machtlos fühlt oder sie sogar als Ausrede zu missbraucht (= Abgabe der Verantwortung an die Krankheit). Du Jutta, würdest dann vermutlich sagen, diese Person hat noch nicht vollständig kapituliert, oder?
Ich denke übrigens auch, dass Nikotin sehr wohl mit Alkohol gleichzusetzen ist, einfach weil beides Drogen sind. Der Unterschied liegt natürlich in der Möglichkeit des totalen Kontrollverlust bei Alkoholismus (wie bei "harten Drogen"), der das ganze Leben zerstört, während der Raucher nur stinkt und sich langsam sozialverträglich umbringt.
Und das Nikotin eine gefährliche Droge ist (auch mehr Tote als durch Alkohol), erkennt man auch am Suchtpotential, welches dem Heroin entspricht. Man ist also "sehr schnell drauf", doch zum Glück ist der Nikotin-Rausch anders als der Heroinrausch und die Entzugserscheinungen im Vergleich zu Heroin ein Spaziergang. Was beide Substanzen jedoch eint, ist die stetige Gefahr des Rückfalls, wie bei allen Drogen, was in der dauerhaften Veränderung des Gehirns begründet ist (= chronische Krankheit).
So, das waren meine Gedanken zu euren Zeilen. Ich danke euch von Herzen für eure Beiträge ... sie bewegen mein Gehirn und helfen mir so, die Nikotinabstinenz zu verfestigen.
Stay Sisu!